Chefredakteur Christoph Langecker

Literaturklassiker auf Abwegen

Two in one. „Wassermusik“ von T. C. Boyle ist ein packender Abenteuerroman. Für mich ist das Buch eine einzige Liebesgeschichte.

Drei Tage regnete es nun schon sintflutartig und ohne Unterbrechung. Ans Rausgehen war nicht zu denken und von unterschiedlichen Stellen an der Zimmerdecke tropfte es herunter. Zum Glück gab es in unserer einfachen Unterkunft, die an der Hauptstraße von Baracoa lag, genügend Vorrat an Bohnen und Reis. So wie überall in Kuba. Drei Wochen waren Nikolaus und ich zu diesem Zeitpunkt schon im karibischen Inselstaat unterwegs. Nach Havanna und Santiago de Cuba verschlug es uns ganz in den Osten an die Bahía de Miel (spanisch für Honigbucht). Es war Anfang der 2000er Jahre und die Konterfeis von Che Guevara und Fidel Castro waren allgegenwärtig.

Die Atmosphäre dieser Regentage war eigen. Wir lagen den ganzen Tag auf unseren Betten und lasen. Nachdem ich Hemingways „Inseln im Strom“ fertig hatte, griff ich zu „Wassermusik“. Der Titel passte zu diesem Sauwetter. Mein damaliger Chef Christian Rainer hatte mir den Roman von T. C. Boyle an meinem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub mit den Worten „Das musst du in Kuba lesen“ zugesteckt. Auch Jasmin hatte an diesem Freitag eine Kleinigkeit für mich gehabt. Einen Brief, den ich erst unterwegs öffnen durfte. Sie war seit einigen Monaten meine Arbeitskollegin und eine gute Freundin geworden. Was ich damals schon für sie empfand, sollte ich erst in diesem kleinen Zimmer in Baracoa bemerken. In das Briefkuvert hatte sie auch ein Foto von sich gesteckt, das ich in Kuba als Lesezeichen für „Wassermusik“ verwendete. Jedes Mal, wenn ich ein Kapitel beendete, betrachtete ich das Passbild. Sie fehlte mir, sehr sogar. Kumpel Nikolaus bemerkte, wie ich das Foto anhimmelte, und schmunzelte. Heute ist sie meine Frau. 2013 durfte ich im Rahmen von „Eine. Stadt. Ein. Buch.“ T. C. Boyle höchstpersönlich einige Tage in Wien begleiten. Ich erzählte ihm natürlich unsere Geschichte, die untrennbar mit seinem Buch verbunden ist. „Nimm es morgen unbedingt mit“, sagte er entzückt. Dann murmelte er leise „Love in a book“ vor sich hin.

  • www.wienspart.atChristoph Langecker ©Hauswirth© Hauswirth

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