Chefredakteur Christoph Langecker

Winnetou braucht mehr von Federer

Mythos. Pierre Brice wurde in der Rolle des Apachenhäuptlings vor über 50 Jahren zur legende. Jetzt gibt es einen Nachfolger.

Es war an einem Gründonnerstag Anfang der 1980er-Jahre. Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Mein Vater hatte seinen Arm um meine Schulter gelegt und zum ersten Mal in meinem Leben sah ich an diesem Nachmittag Winnetou mit Pierre Brice im Fernsehen. Schon Tage davor war ich ganz aufgeregt, denn mein Vater hatte mir den edlen Apachenhäuptling in den schillerndsten Farben beschrieben. Als ich ihn dann im Röhrenfernseher erblickte, war ich verzaubert. Er sah genauso aus, wie ihn Vater zeichnete. Doch dazu kamen noch dieser schwarze, glänzende Rappe, die wildromantischen Landschaften und die unverkennbaren Melodien von Martin Böttcher. Als ich später die Bücher von Karl May las, sollte die Fantasie wenig Chance gegen die Filmdarsteller haben. Winnetou hatte sich also in mein Herz gebrannt. Und als er am Ostermontag, kurz nach seiner Auferstehung im Wohnzimmer erschossen wurde, hörte ich nicht mehr auf zu weinen. Mit Anfang zwanzig setzte ich mich mit einem Freund in den alten VW Polo meines Großvaters und wir fuhren nach Kroatien, wo die legendären Winnetou-Filme der 1960er-Jahre gedreht wurden. Ein deutscher Autor hatte für ein Buch die genauen Wegbeschreibungen zum Rio Pecos, zum Nugget Tsil und zum Silbersee recherchiert. In einem portablen CD-Player spielten wir dann vor Ort den Soundtrack auf und ab. Verrückt. Für eine Reportage über ein Karl-May-Fantreffen kehrte ich vor fünf Jahren an den Zrmanja-Canyon zurück. Das ist genau dort, wo Winnetou und Old Shatterhand zu Blutsbrüdern wurden. Pierre Brice höchstpersönlich hatte sich angesagt. Der Franzose war zu diesem Zeitpunkt schon über 80. Ein Gentleman. Und seine eleganten Bewegungen waren noch immer da. Sie erinnerten mich an die von Tennisstar Roger Federer. Als jetzt zu Weihnachten die durchaus gelungene Neuinterpretation von Winnetou im TV lief, saß mein Vater wieder neben mir. Wir waren uns einig: Der Neue hat etwas von Cristiano Ronaldo. Hätte er mehr von Federer, wäre er perfekt.

  • www.wienspart.atChristoph Langecker ©Hauswirth© Hauswirth
  • www.wienspart.atPierre Brice und Christoph Langecker ©Stefan Joham© Stefan Joham
  • www.wienspart.atNik Xhelilaj ©RTL/Jens Koch© RTL/Jens Koch

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