Chefredakteur Christoph Langecker

Auch der Größte muss mal

Tennisgenie Roger Federer gilt trotz seiner weltweiten Bekanntheit als total normal. Das kann ich nur bestätigen.

Ende Jänner schaffte Roger Federer das, was ihm niemand mehr zugetraut hatte: Er gewann gegen Erzrivale Rafael Nadal seinen 18. Grand-Slam-Titel. Ich hatte vor ein paar Jahren die Gelegenheit, ein langes Gespräch mit Federer zu führen. Er war einer der höflichsten und aufmerksamsten Interviewpartner meiner beruflichen Laufbahn. Jedes Mal, wenn ich ihn im TV sehe, muss ich an unsere Begegnung denken. Und schmunzeln. Das deutsche Nachrichtenmagazin „stern“ titelte in seiner Ausgabe im Juli 2013 mit „Der Sommer meines Lebens“. Ich saß gerade in der Surferbar „thalasea“ am Strand von Mikri Vigla auf der griechischen Kykladen- Insel Naxos und begann die Covergeschichte zu lesen, als mein Handy im Rucksack vibrierte. Zuerst wollte ich gar nicht rangehen, aber dann griff ich doch in die Seitentasche. Es war Freitagmittag. Die Sonne brannte gnadenlos vom Himmel herunter und nach dem Gespräch war ich nicht sicher, ob sie Schuld an meinem plötzlichen Schweißausbruch war oder doch das Angebot, das ich soeben am Telefon erhalten hatte. Ich konnte es gar nicht glauben. Bis zum späten Nachmittag sollte ich Bescheid geben, ob ich am Montag Tennislegende Roger Federer in der Schweiz interviewen wollte. Natürlich brauchte ich nicht lange zu überlegen, so eine Chance bekommt man nur einmal im Leben. Ich sagte zu, unterbrach den Urlaub, tuckerte mit der Fähre nach Athen und flog anschließend nach Genf. Von dort aus ging es dann weiter ins Berner Oberland, wo das Gespräch im noblen Gstaad Palace Hotel anberaumt war. Das ganze Haus wurlte wie ein Ameisenhaufen. Alle schienen ob des prominenten Gastes nervös zu sein, nur Federer selbst wartete entspannt in seiner Suite. „Hallo, ich bin Roger“, streckte mir der Weltstar freundlich seine Hand entgegen. „Bitte entschuldige mich kurz“, sagte er und verschwand auf der Toilette. Die Wände waren extrem dünn und bevor das Interview begann, musste ich dem größten Tennisspieler aller Zeiten beim Pinkeln zuhören. Es ging nicht anders. Hätte ich mir die Ohren zuhalten müssen?

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