Chefredakteur Christoph Langecker

Harry Belafonte im International

Der Musiker und Aktivist schenkte mir 2012 einen unvergesslichen Moment. Anfang März wurde er 90.

Über zwei Jahre lang pendelte ich Anfang der 2010er Jahre beruflich zwischen Wien und Berlin. Besonders das Kino International in der Karl-Marx-Allee 33 hatte es mir angetan. Unser Büro lag ganz in der Nähe, und immer, wenn ich vom Alexanderplatz kommend daran vorbeischlenderte, nahm ich mir vor, demnächst mal einen Film im ehemaligen DDR-Premierenkino anzusehen. Am 1. April 2012 sollte es soweit sein. Es war ein Sonntag, ich frühstückte in Mitte in einem dieser Läden, wo es gerade angesagt war, den Caffè Latte mit Sojamilch zu bestellen, und machte mich über die Zeitungen her. Das Wetter war nicht gerade einladend und so lag der Entschluss nahe, das Theater- und Kinoprogramm genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Entscheidung war schnell getroffen: „Sing Your Song“ sollte am späten Nachmittag im Kino International laufen. Es handelte sich um eine Dokumentation über Harry Belafonte. Ehrlich gesagt wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt wenig über ihn. Ich kannte ihn als Entertainer, Schauspie- ler und Sänger. Den politischen Harry Belafonte sollte ich später an diesem Tag erst kennenlernen. Eine Stunde vor Beginn stand ich vor dem International. Der Stahlbetonbau war aus nächster Nähe noch imposanter. Vor der Kassa wartete eine lange Schlange. Ich hatte nicht mit so einem Andrang gerechnet, dachte mir aber nichts dabei. Freie Platzwahl hieß es und die Menschen stürmten den historischen Saal. Die 551 Stühle waren binnen Minuten besetzt, ziemlich in der Mitte ergatterte ich einen Sessel ganz rechts außen. Schon irgendwie komisch, dachte ich jetzt. Die Dokumentation nahm mich emotional sehr mit. Belafontes unermüdlicher Kampf für Menschenrechte, sei es an der Seite von Martin Luther King jr. oder Nelson Mandela, und sein Engagement für die Hungernden in Äthiopien rührten mich zu Tränen. Plötzlich tätschelte mir jemand auf den Hinterkopf. Es war Harry Belafonte. Er nickte mir sanft zu. Dann ging er langsam und auf einen Gehstock gestützt zur Bühne, wo er nach dem Abspann zum Interview erwartet wurde.

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