Thomas Maurer

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Betriebsschluss. Thomas Maurer schreibt monatlich eine Kolumne im vormagazin.

Hat die Möglichkeit, jederzeit jeden Schas ungefiltert in den Cyberspace drücken zu können, das bescheidenere Ziel unattraktiv werden lassen, zumindest den Hintermann im Stau darüber zu informieren, dass man „Nein Danke!“ zur Atomkraft sagt oder überzeugt ist von der Formel „1 Steirer = 3 Leut“?

Lange Jahrzehnte fand man, landauf, landab, jedes zweite Auto von irgendeinem Aufkleber mit irgendeiner Aussage geziert; bei Fahrzeugmodelle, die besonders von Linksalternativen geschätzt wurden (Käfer, R4, Ente) fanden sich sogar auf absolut jedem Exemplar gleich mehrere Dutzend davon. Die andere Seite des politischen Spektrums liess sich ebenfalls nicht lumpen und pickte schwarzgelbe Monarchistenembleme, „Freiheit für Südtirol!“-Sticker oder gleich die deutsche Reichskriegsflagge.

Immerhin einmal sah ich auf dem dicken Hintern eines S-Klasse-Mercedes sogar tatsächlich einen „Eure Armut kotzt mich an!“-Aufkleber angebracht, durchgesetzt hat sich das aber nie, vermutlich weil die Karosseriedesigner solcher Oberligapanzer diese Botschaft ohnehin bereits sorgfältig in ihre Entwürfe einarbeiten.

Die Heckpickerln waren vielleicht auch insofern Vorläufer der sozialen Medien, als sie nicht nur der Verbreitung von Gesinnung, sondern auch der von Humor dienten, von „Wer das liest, ist zu nahe“ bis „Mein anderes Auto ist ein Ferrari“. (Katzenbilder dagegen waren auf Autos selten, wenn schon, dann wurde deren Aufgabe von auf der Hutablage vor sich hinnickenden Wackeldackeln übernommen.)

Die so ziemlich letzten Ausläufer der einst so stolzen Pickerlkultur sind jene Heckscheibenbeschriftungen, die darüber informieren, das „Kinder an Bord“ sind und wie die heissen. Natürlich kann man da, je nachdem ob die Kinder „Justin und Jaqueline“, „Sarah-Hannah und Noah-Patrice“ oder „Kriemhild und Sigurd“ heißen, auch ein weltanschauliches Bekenntnis herauslesen.

Eine angenehme Eigenschaft aber teilen sich die heutigen Social-Media-Statements mit ihren an Heckklappen haftenden Vorläufern: Irgendwann landet das alles auf dem Schrott.

  • www.wienspart.atThomas Maurer ©Christian Skalnik© Christian Skalnik

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