Thomas Maurer

Hauptsache Nobel

Betriebsschluss. Thomas Maurer schreibt monatlich eine Kolumne im vormagazin.

EIN PREIS, DER SELTEN SCHLAGZEILEN MACHT, MACHT SCHLAGZEILEN.

Sie können diesen Text in dem ungewöhnlich sicheren Bewusstsein lesen, sich in intellektuell bester Gesellschaft zu befinden; im Bewusstsein, dass ein Großteil der Menschen, mit denen Sie sich gerade den Waggon oder den Bus teilen, nicht nur weiß, wer heuer den Literaturnobelpreis erhalten hat, sondern auch noch mit dem Werk des Geehrten zumindest oberfl ächlich vertraut ist.

Der mit dem Blowing In The Wind nämlich, genau. Einen ähnlich hohen Wiedererkennungswert hatte bisher wohl nur die 2004 geehrte Elfriede Jelinek, von deren Werk allerdings der Allgemeinheit vor allem seine Ablehnung durch Jörg Haider bekannt war, welcher aber seinerseits vermutlich auf Anhieb ebenfalls keinen Romantitel der Preisträgerin hätte nennen können.

Allgemein ist das Nicht-Kennen von Literaturnobelpreisträgern ja eher die Regel als die Ausnahme, auch außergewöhnlich bildungsbefl issene Literaturlieb haber in Kanada oder Indonesien haben 2004 vermutlich mehrheitlich mit „Elfriede Who?“ reagiert.

Als ich seinerzeit das ehrenwerte Gewerbe des Buchhändlers erlernte, waren zum Beispiel der Ägypter Nagib Mahfuz und der Nigerianer Wole Soyinka aktuelle Nobelpreisträger und die Zahl der Wiener Buchhändler, die auf diese Meldung hin nicht ein Lexikon konsultierten, um herauszufi nden, wer zum Teufel das denn nun schon wieder sei, hätte man vermutlich an den Fingern einer Hand eines langjährigen Sägewerksmitarbeiters abzählen können.

Natürlich hat His Bobness den Breitenwirksamkeitsvorsprung, dass er das, was er schreibt, dann auch singt. Und beileibe nicht nur er. Bis heute schmettern einem, The Times, They Are A-Changin’ hin oder her, Fußgängerzonengitarristen mit großer Zuverlässigkeit Dylan-Liedgut entgegen.

Vielleicht sollte man also daran gehen, zur Popularisierung von Österreichs bisher einziger Literaturnobelpreisträgerin ihr lyrisches Werk von heimischen Erfolgsmusikern in Songs gießen zu lassen. Vor allem auf Andreas Gabaliers Beitrag wäre ich gespannt.

  • www.wienspart.atThomas Maurer ©Christian Skalnik© Christian Skalnik

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