Thomas Maurer

Vermisstenanzeige

Betriebsschluss. Thomas Maurer schreibt monatlich eine Kolumne im vormagazin.

DER JAHRESWECHSEL IST VORBEI UND MIT IHM SEINE VIELEN, VIELEN RITUALE.

Ich selbst erinnere bei dieser Gelegenheit gerne an den Tagesheiligen des 31. Dezember, den Heiligen Papst Silvester, der im 4. Jahrhundert den römischen Kaiser Konstantin vom Aussatz geheilt sowie getauft haben und dafür mit der „konstantinischen Schenkung“, der jahrhundertelangen Machtgrundlage der katholischen Kirche, bedacht worden sein soll. Das diesen Vorgang belegende Dokument freilich ist eine dreiste Fälschung aus dem 6. oder 7. Jahrhundert, und einmal im Jahr, finde ich, darf man ruhig mit diesem nutzlosen Wissen glänzen.

Andere haben andere Rituale: Friedliche Familienväter experimentieren mit Sprengmitteln, Menschen, die 364 Tage im Jahr keinen Sekt trinken, stossen damit an, Ö3-Hörer schwelgen im Donauwalzer und alle zusammen schauen zum zigsten Mal „Dinner for One“, obwohl das ja auch an allen anderen 364 Tagen des Jahres auf Youtube stünde. Ebenfalls altehrwürdig ist der tags darauf gepflogene Brauch, die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten bei leise gedrehtem Ton laufen zu lassen, aber zu ignorieren.

Deshalb ist vermutlich vielen gar nicht aufgefallen, dass heuer, und zwar mutmaßlich erstmals seit Einführung des Fernsehens in Österreich, es gar keine solche Ansprache gab; ein geradezu revolutionäres Nicht-Ereignis, dass sich natürlich jenem Vorgangskonvolut verdankt, das nicht nur rund 20 Millionen Steuereuro verschlungen und einen schlafenden Bären geweckt hat, sondern auch dem „Wort des Jahres 2016“ Pate stand: Der Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung. Zugegeben: Auch ich bin notorischer Neujahrsansprachenversäumer. Aber dazu muss erst einmal was zum Versäumen da sein. Ich esse ja auch keine Lakritze, aber wenn mir die ein Arzt verbieten würde, käme ich vermutlich um vor Gusto.

Also: Einmal ist, soll sein, keinmal. Aber 2018 möchte ich wieder eine gediegene Ansprache samt Fahne und Schärpe, Würde, Ernst und Feierlichkeit ignorieren können.

  • www.wienspart.atThomas Maurer ©Christian Skalnik© Christian Skalnik

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