Gespräch des Monats

„Man glaubt, man ist in einem Zombiefilm"

Obwohl sich Cartoonist Rudi Klein und Mime Erwin Steinhauer nicht kannten, ging ihnen bei ihrem ersten Treffen nicht der Gesprächsstoff aus.

Unser Cartoonist Rudi Klein und Schauspieler Erwin Steinhauer werden am 16. Februar bei der VORstellung des vormagazins im Wiener Volkstheater gemeinsam auf der Bühne stehen. Im Cafe Ritter trafen sich die beiden zu einem Vorgespräch. Es war ihre erste Begegnung. Aufgezeichnet von Christoph Langecker.

Erwin Steinhauer: Was sind Sie für ein Jahrgang?

Rudi Klein: 1951.

Erwin Steinhauer: Ah, ein 51er. Genauso wie ich. Servus, ich bin der Erwin.

Rudi Klein: Rudi.

Erwin Steinhauer: Wo bist du her?

Rudi Klein: Aus Wien. Ich bin Floridsdorfer. Ich habe im Lauf meines Lebens alle Arbeiterbezirke in Wien durchgemacht und bin dann in die Bürgerlichkeit geflüchtet. Jetzt bin ich im 4. und 5. Bezirk.

Erwin Steinhauer: Ich stamme ebenfalls aus Floridsdorf, aus der Schloßhofer Straße. Das ist auch der Schauplatz vieler politischer Erzählungen meiner Familie - besonders von meinen Großeltern, die dort gewohnt haben. Es gibt zum Beispiel die für mich prägende Geschichte, als der Sub-Kassier, wie damals der Mann geheißen hat, der die Politische kassiert hat, einen Tag vor dem Einmarsch bei uns im Haus war. Und am nächsten Tag ist derselbe Sub-Kassier mit einer SA-Binde am Gehsteig gestanden und meine Großmutter musste putzen.

Rudi Klein: Ich bin in der Ostmarkgasse aufgewachsen. Die hat vor dem Krieg auch schon so geheißen, glaube ich. Das war dann gleich die Entschuldigung: Das war ja früher schon so und Hakenkreuze gab es ja bereits in Indien... Nach dem Krieg war dann die Zeit auch nicht super, aber es gab Hffnung auf ein Besserwerden.

Erwin Steinhauer: Bis Mitte der 1980er gab es die, finde ich.

Rudi Klein: Ja, ab da hat die Wirtschaft wieder die Daumenschrauben angezogen und von da an ist es bergab gegangen. Jetzt sind wir auf dem Weg zum Anfang des letzten Jahrhunderts zurück. Was Arbeitsverhältnisse und -methoden angeht. Das ist irgendwie schirch. Ich habe eine Zeit lang die Theorie gehabt, dass, wenn ich keine Kin- der hätte, wäre es ja super, weil: Die Welt wird immer gschissener und erleichtert mir den Abschied. Aber mit Kindern ist das natürlich ein bisserl blöd.

Erwin Steinhauer: Um die Kinder auf die heutige Welt vorzubereiten, hilft, finde ich, immer nur das Gespräch und die Information.

Rudi Klein: Ja, den Eindruck habe ich auch. Die Leute sind heute extrem schlecht informiert. Wenn ich in der Straßenbahn fahre, welche Gesprächen ich da höre, das ist schon heftig. Zum Beispiel: „Der Van der Bellen hat gesagt, er scheißt auf die österreichische Fahne“. Woher haben die solche Geschichten? Die lesen das irgendwo im Internet und denken, das ist die Wahrheit.

Erwin Steinhauer: Postings von irgendeinem Verrückten gelten als Wahrheit. Und nicht einmal als „alternative Wahrheit“, sondern als Wahrheit.

Rudi Klein: Da kann man kaum argumentieren.

Erwin Steinhauer: Das ist der große Nachteil der sozialen Medien. Du kannst es nicht kontrollieren. Der einzige Vorteil ist, dass die Leute ein Ventil haben. Weil da können sie ablassen, mehr oder weniger unbehelligt.

Rudi Klein: Früher war es so, dass wenn die Leute sich geärgert haben, dann haben sie eine Postkarte genommen oder einen Brief geschrieben, dann sind sie auf die Post um eine Briefmarke gegangen. Deswegen haben ja die Zeitungen kaum Leserbriefe gekriegt, außer von Profi-Querulanten. Aber jetzt geht das halt schneller.

Erwin Steinhauer: Da drückt man ab und der Kot ist im Netz. Es hilft nur, sich manchmal herauszunehmen. Ich war gerade weg und war total abgeschnitten von all diesen Dingen. Dann kommst du nach zwei Wochen zurück und es hat sich überhaupt nichts verändert.

Rudi Klein: Ja, man kann sich auch nur ganz schwer entziehen. Wenn man am Berufsleben teilnimmt, ist es schwierig. Ich finde es ja interessant, weil wenn ich jemanden kontaktieren will, muss ich mich erst entscheiden, wie: Facebook, Instagram, SMS, Telefon, E-Mail. Inzwischen gibt es dann noch 15 andere Sachen. Allein da muss ich nachdenken, wie erreiche ich den jetzt am besten und was ist die am besten geeignete Form.

Erwin Steinhauer: Autokorrektur – das macht mich narrisch. Ich habe drei Kinder und drei Enkelkinder, und von den drei Enkelkindern ist eines, das schon tippt. Da ist es schwer, sich zu enthalten, weil irgendeiner kann immer irgendwas brauchen. Man muss sich ganz bewusst rausnehmen. Am Besten nimmt man ein Buch in die Hand.

Rudi Klein: Bei vielen Sachen musste ich mich umgewöhnen. Auch bei der Entfernung der Schambehaarung.

Erwin Steinhauer: Ja, aber das ist nicht schlecht.

Rudi Klein: Wobei, jetzt sind Schamhaare wieder in Mode.

Erwin Steinhauer: Nicht mehr nur der Strich? Sieht man wieder Buschen?

Rudi Klein: Ja, wenn die Fußballer beispielsweise einen Sieg feiern, sind wieder leichte Tendenzen zu erkennen.

Erwin Steinhauer: Ich habe jetzt so lachen müssen. Ich war in einem Hotel auf einer Pensionisteninsel. Beim Frühstück sitzen da fünf Damen und die waren alle beim selben Chirurgen. Der Mut zum Entstellen ist sagenhaft.

Rudi Klein: Manchmal glaubt man, man ist in einem Zombie Film.

Wenn Sie Erwin Steinhauer und Rudi Klein live bei der Vorstellung erleben möchten, können Sie unter diesem Link Karten bestellen.

  • www.wienspart.atRudi Klein und Erwin Steinhauer. ©Arman Rastegar© Arman Rastegar

„Um Kinder auf die heutige Zeit vorzubereiten, hilft, glaube ich, nur das Gespräch". Erwin Steinhauer

Fakten

Erwin Steinhauer zählt zu den bedeutendsten Schauspielern und Kabarettisten des Landes. Anfang März ist er in der ORF-Produktion „Maximilian. Das Spiel von Macht und Liebe“ zu sehen. Rudi Klein unterhält mit seinen Zeichnungen Millionen von Zeitungslesern. Seine Comics waren bis vor Kurzem im Karikaturmuseum Krems ausgestellt. Beide stehen im Rahmen der VORstellung am 16.2. im Wiener Volkstheater auf der Bühne.

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