Interview des Monats

Der geerdete Ästhet

Bis 31. März läuft im Wiener MAK die Schau „Beauty“ von Stefan Sagmeister. Wir trafen den Star-Designer in seiner Wohnung in Manhattan. Ein Gespräch mit Aussicht.

Ein Februar-Nachmittag im eisig kalten New York. Immer wieder beginnt es stark zu schneien und der Wind fegt aus allen Richtungen durch die Straßen. Die wohlig warme Temperatur in Stefan Sagmeisters Appartement in Downtown Manhattan und der starke Espresso machen die Strapazen der eingefrorenen Metropole schnell vergessen.

Interview: Christoph Langecker
Fotos: Stefan Joham

vormagazin: Was haben Sie heute schon Schönes gesehen?

Stefan Sagmeister: Es gab heute morgen einen Schneesturm. Den fand ich super, weil er so plötzlich gekommen ist. Ich mag das Klima hier in New York sehr gern, weil es extrem ist. Und dann war ich kurz im Rubin Museum und habe ein buddhistisches Gemälde aus dem 14. Jahrhundert gesehen, das im Prinzip die Wiederholungen vorweg genommen hat, die Andy Warhol 600 Jahre später in den 1960er Jahren gemacht hat.

Wie definieren Sie Schönheit?

Die einfachste Definition ist die, die „hausverständlich“ Sinn macht: Das ist die Schönheit, die eine Kombination von diversen ästhetischen Merkmalen darstellt. Wie Farbe, Komposition, Form, Umriss, Materialität, Struktur, die alle gemeinsam daran arbeiten, unsere ästhetischen Sinne zu bezirzen, aber vor allem das Auge.

Wer darf entscheiden, was schön ist?

Das darf jeder. Aber es gibt weltweit ein überraschend großes Übereinstimmen, was wir Menschen als schön empfinden und was nicht. Wenn ich irgendwo auf der Welt ein Foto einer Müllhalde zeige und ein Foto vom Stephansdom, dann werden wahrscheinlich 99 Prozent von diesen Leuten sagen: Der Stephansdom ist schöner als die Müllhalde.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Heute ruhiger als vor 20 Jahren. Ich war sicher als 30-Jähriger mehr gestresst wie als 50-Jähriger. Das hat viel mit meinen Mitarbeitern und meiner Geschäftspartnerin Jessica Walsh zu tun, die mir viel abnehmen. Grundsätzlich stehe ich früh auf und mache zuerst die schwere Arbeit, das heißt alles, was mit Inhalt oder Konzeption zu tun hat. Dann arbeite ich mich runter auf einfache Arbeiten.

Wie beschreiben Sie Ihr New York?

Ich würde nie sagen, dass New York die beste Stadt der Welt ist, aber ich würde sagen, New York ist die Stadt, die mir am besten entspricht. Das hat sehr viel mit Dichte zu tun. In Manhattan ist es durch die Dichte überall interessant, weil überall etwas los ist. Das heißt, ich gehe extrem gern, dabei fühle ich mich noch immer fast so wie ein Besucher. Und ich überlege mir gern Dinge, während ich am Laufen bin. Dann würde ich sagen, es ist kulturell genau meine Geschichte.

Wie fühlt es sich an, beruflich in die Heimat zurückkehren zu können?

Obwohl ich sicher jeden zweiten Monat in Bregenz oder in Wien bei meiner Familie bin, fühlt es sich natürlich ausgezeichnet an. Ich habe ja immer eine große Beziehung zu Österreich gehabt. Ich sehe mich auch heute als Österreicher und bin auch rechtlich Österreicher, also ich habe nie die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen.

Wo ist Ihr Zuhause?

Ich bin Österreicher, aber meine Heimatstadt ist New York. Wie sehen Sie Österreich von außerhalb? Sehr positiv. Wenn ich längere Zeit in Wien verbringe, wird natürlich deutlicher, wie alle am Sich-Beschweren sind und das eigene Los als etwas ganz Schlimmes betrachten. Ob es nun um Politik oder Alltag geht. Von außen gesehen, schaut das aber immer noch sehr gut aus. Sowohl was Lebensqualität betrifft als auch Dinge, die in Amerika viel schlimmer sind. Zum Beispiel Themen wie die Einkommensverteilung.

Ich finde das österreichische politische System besser als das amerikanische. Auch der konservativste Politiker in Österreich würde etwa die Gesundheitsversicherungen nicht in Frage stellen, während das hier ja schon fast eine linkslinke Angelegenheit ist.

Was ist Ihnen beim Wohnen wichtig?

Aussicht. Ich wohne hier in diesem Appartement schon sehr, sehr lange und das, was mich täglich erfreut, oder das, was mich über die vielen Jahre immer noch erfreut, ist die Aussicht. Die Lage zwischen West Village, Meatpacking District und Chelsea ist auch sehr angenehm. Das heißt, ich kann in drei verschiedene Richtungen gehen und habe immer einen ganz anderen Geschmack der Stadt.

Wo finden Sie Inspirationen?

Beim Spazieren und beim Zugfahren. Die vorbeifliegende Landschaft auf Augenhöhe finde ich ausgezeichnet, um über irgendetwas nachzudenken. Was hätte Stefan Sagmeister in der Zeit von Klimt gemacht? Ich hoffe natürlich, dass ich bei denen mitgemacht hätte. Da gab es ja zwei Camps bei der Wiener Werkstätte. Eines rund um Klimt und eines um Kokoschka und Loos. Da wäre ich sicher näher bei Klimt gewesen.

Was macht Menschen schön?

Da kann ich nur meinen persönlichen Senf dazu geben, weil ich kein Experte bin. Die menschliche Schönheit ist sicher eine Mixtur aus der inneren und der äußeren. Und die innere Schönheit, das spürt man vor allem bei älteren Menschen, hat sicher etwas mit einem guten Herzen zu tun. Also ich glaube, ab 40 oder 50 sieht man das sehr gut, wie sich ein Mensch entwickelt hat. Da stellt sich heraus, wie man altert. Und dann hat es auch sicher etwas mit Glück und erblichen Dingen zu tun.

Sie haben gern einen Plan und führen Listen. Warum?

Wer drei Kilometer neben der deutschen Grenze und fünf Kilometer neben der Schweizer Grenze aufgewachsen ist, dem ist das vielleicht in die Wiege gelegt. Mir ist einfach am wohlsten dabei. Ich sehe heute auch keinen Grund, warum ich nicht so arbeiten sollte, wie es mir am wohlsten ist.

Sie geben in der Öffentlichkeit sehr viel von sich preis …

Ich hatte da mal ein Schlüsselerlebnis bei einem Vortrag von Quentin Crisp. Es gibt das Lied von Sting, „A English Man in New York“, da geht es um ebendiesen. Er war eine Oscar Wilde artige Person, die in zitierfähigen Sätzen gesprochen hat. Er sagte: „Jeder, der ehrlich ist, ist interessant.“ Das heißt, wenn ich die Dinge ehrlich mache, dann sind sie automatisch schon mal interessant.

Über dieses Erlebnis kam es dann auch dazu, dass wir in einem Buch offen gelegt haben, wie viel wir bezahlt bekommen und wie lange wir für ein Projekt gearbeitet haben. Also Dinge, die man sonst als Grafikstudio eher hütet. Ich dachte: Wieso muss ich das geheim halten, wie viel mir der Kunde bezahlt hat, wo ich doch weiß, dass es für junge Grafiker interessant wäre, wie viel wir da verlangt haben. Und das gilt natürlich auch für „The Happy Film“, wo klar war, dass es ein Film über mein Glücksgefühl sein wird. Das konnte nur funktionieren, indem ich so ehrlich wie möglich war.

Wovor haben Sie Angst?

Also jetzt gerade vor nix.

Wo möchten Sie alt werden?

Ich sehe mich da an mehreren Orten. Ich werde sicher immer einen Wohnsitz in New York haben, weil das schon meine Stadt ist. Aber ich werde mit Sicherheit auch Zeit in Bregenz, Italien oder Bangkok verbringen. Ich bin schon jemand, der viel Abwechslung braucht. Ich könnte mir definitiv nicht vorstellen, dass ich auf eine Alm ziehe und für immer nur dort bleibe.

  • www.wienspart.atStefan Sagmeister ©Stefan Joham© Stefan Joham
  • www.wienspart.atChristoph Langecker und Stefan Sagmeister ©Stefan Joham© Stefan Joham
  • www.wienspart.atStefan Sagmeister Einrichtung ©Stefan Joham© Stefan Joham

Fakten

Stefan Sagmeister (56) ist in Vorarlberg geboren und lebt seit vielen Jahren in New York. Er gilt international als der Großmeister des Grafikdesigns. Unter anderem entwarf er CD-Cover für Lou Reed, die Rolling Stones, David Byrne, Aerosmith oder Pat Metheny. Mit der Designerin Jessica Walsh führt er derzeit die Agentur „Sagmeister & Walsh“. Mit ihr gemeinsam gestaltete er auch die Ausstellung „Beauty“, die gerade in Wien zu sehen ist.

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