Öffentlicher Verkehr

U-Bahn-Waschen leicht gemacht

Im Prinzip ist U-Bahn-Waschen ganz einfach: Man muss nur eine Autowaschstraße auf ein Vielfaches ihrer Größe aufblasen, Eisenbahnschienen durchbauen – und mit 750 Volt Strom und 5.000 Litern Wasser jonglieren.

Albert Bevc ist ein höflicher Mensch. Also lacht er mich nicht aus. Aber ein bisserl verwundert schaut er doch drein. Dann zeigt er auf den Knopf, den ich drücken soll. Mehr, sagt der Verschubarbeiter, könne ich nicht tun. Nicht ohne eine solide und umfassende Ausbildung bei den Wiener Linien: Bei aller Freude darüber, dass ich ihm beim Waschen des U-Bahn-Zuges 3878 helfen will, geht Sicherheit vor. Eine U-Bahn in Bewegung zu setzen ist nichts für Laien. Nein, auch nicht nur für ein paar Meter. Vielleicht ein anders Mal, tröstet mich Albert Bevc. Ich sei ja auch nicht zum Fahren da – sondern wegen des Frühlingsputzes. Stimmt. Frühling ist Putzzeit. Weil das Leben wieder bunt sein, lachen und fröhlich strahlen soll: Blumen sollen blühen. Blätter sprießen. Parks und Wiesen ergrünen. Graues Winterzeug verschwindet, Fenster werden geputzt; und die Sonnenstrahlen kitzeln die Wienerinnen und Wiener so, dass sie sogar ab und zu lächeln – und prompt etwas zum Motschgern finden: den Rollsplitt, der nicht schlagartig verschwindet. Das dreckige Auto des Nachbarn. Oder die Öffis – die sollen auch blitzen. Schließlich ist Frühling.

Nur: Wie wäscht man eigentlich eine U-Bahn? Vermutlich eh genau so wie ein Auto: Man fährt durch die Waschstraße. Ganz einfach. Auf den ersten Blick stimmt das auch: Wer eine U-Bahn waschen will, der fährt mit ihr durch die Waschstraße. Und solange man keinen zweiten Blick riskiert, ist es auch wirklich ganz einfach. Aber nur so lange. Denn U-Bahn-Waschen ist ein typisches „Sendung-mit-der-Maus“-Thema: Also eines jener Dinge, über die niemand nachdenkt. Weil sie selbstverständlich sind – solange sie funktionieren. Die aber in dem Augenblick komplex werden, in dem man beginnt, kurz drüber nachzudenken. Weil da plötzlich Fragen auftauchen: Wie vertragen sich 750-Volt-Stromschiene und Waschstraße? Welche Chemikalien und wie viel Wasser braucht man – und was passiert danach damit? Wie oft ist oft genug? Wie wäscht man 130 Züge, ohne dass diese im Netz fehlen? Oder geht das alles auf Überstunden in der Nacht? Muss man die Züge auseinanderkoppeln? Was, wenn der Dreck nicht weggeht? Undundund …

Dafür, dass Wiens Öffis regelmäßig gewaschen werden, sorgt Michael Dörr. Der 37-jährige Maschinentechniker ist Kopf jenes Teams, das bei den Wiener Linien für das reibungslose Funktionieren von insgesamt 18 Waschstraßen und -anlagen sorgt. Für Busse, Bims und U-Bahnen. Die komplexeste Anlage ist die rund 500.000 Euro teure Doppel-Waschstraße in Halle elf im Betriebsbahnhof Erdberg. Eine deutsche Maßanfertigung, durch die jeder der 130 U-Bahn-Züge alle drei Wochen fährt: eine knapp 50 Meter lange Halle mit zwei mobilen Waschwalzensystemen. Züge dürfen nur einfahren, wenn sie zumindest Doppeltriebwagenlänge (vier Silberpfeilwaggons) haben. Wieso? „In der Waschstraße gibt es keine Stromschiene. Aus naheliegenden Sicherheitsgründen“, erklärt Dörr. „Also muss der Zug vorne oder hinten herausragen, sonst kommt er aus eigener Kraft nicht mehr weg.“ Abgesehen davon ist das Prozedere mit einer Autowaschstraße vergleichbar – wenn auch im Maßstab 1:4. Oder 1:5. Vor dem Einfahren sucht Verschubmann Bevc an einem Wahlschalter das Waschprogramm aus. Freilich: Luxuskinkerlitzchen wie Polieren oder Superdeluxe-Hochglanzheißwachsversiegelung gönnt man den Zügen nicht. „Schließlich“, betont Michael Dörr, „ist es wichtig, dass alles ratzfatz geht: Die Züge sollen vor allem eines – fahren.“ In Halle elf geht tatsächlich alles „ratzfatz“: Über den „Vorsprühbogen“ wird eine spezielle Lösung aufgesprüht. „Insektenlöser“ steht auf einem der großen Fässer im Keller unter der Waschstraße. Ihren Füllstand kontrolliert Michael Dörr ebenso penibel wie das Mischverhältnis zwischen Chemie und Wasser: Zu wenig würde nicht wirken – zu viel wäre ungesund.

Nach dem „Vorsprühen wird mit aktiveren Substanzen die Hauptwäsche durchgeführt. Die Walzen, die vorne und von der Seite den Zug einwascheln und abwuseln, tun das Gleiche wie die in der Autowaschstraße. Im dritten Akt wird dann noch ein spezielles „Trocknungsmittel“ aufgetragen. Damit nur keine Rückstände in den Verkehr gebracht werden. „Und für Glanz ohne Flecken“, lacht Michael Dörr.

Flecken schätzt das Publikum gar nicht. Da es aber extrem aufwendig wäre, alle Fenster händisch von Wasserrückständen zu befreien, verwendet man Wasser, das über eine „Osmoseumkehranlage“ zu einer Art „Superwasser“ gemacht wurde: Kalk hat keine Chance – und wenn der Zug nach einer Stunde in der Waschstraße feuchtglänzend ins Freie rollt, ist er sauber. Blitzsauber.

Michael Dörr ist dann stolz. Nicht nur, weil der Zug „fast wie neu“ aussieht, sondern auch, weil das (saubere) Wasser, das da noch nachtropft, tatsächlich alles ist, was verloren geht: Die Reinigung braucht 5.000 Liter Wasser – aber „mehr als 90 Prozent davon werden eingefangen, gefiltert und wieder verwendet“.

Dennoch wurmt etwas den „Kopf“ der U-Bahn-Waschanlagen: Die Reinigungsmittel dürfen Gummi auf keinen Fall angreifen. Sonst würden zum Beispiel die Türdichtungen beschädigt werden. „Blöderweise versuchen aber manche Fahrgäste, sich schließende Türen mit dem Schuh aufzuhalten“, seufzt Dörr. Das funktioniert zwar nicht – aber die Schuhe hinterlassen an den Türen schwarze Fahrer. Gummi-Fahrer. „Das geht mit ungefährlichen Mitteln nicht weg. Unmöglich. Das geht nur händisch.“

Etwa, wenn der Zug beim Service ist. Es gäbe auch eine andere Möglichkeit. Aber weil Verschubarbeiter Albert Bevc ein höflicher Mensch ist, deutet er die nur an: „Wolltest du dich nicht nützlich machen?“

  • www.wienspart.atThomas Rottenberg ©Rene Wallentin© Rene Wallentin
  • www.wienspart.atUbahn in der Waschstraße ©Rene Wallentin© Rene Wallentin

"Wie wäscht man 130 Züge, ohne dass diese im Netz fehlen - oder geht das alles auf Überstunden in der Nacht?", fragt sich Thomas Rottenberg

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