BARBARA KAUDELKA ÜBER MOBILE MERKWÜRDIGKEITEN.
Wissen Sie, was schlimmer ist als nach den Weihnachtsfeiertagen das erste Mal wieder in Jeans statt Jogginghose zu steigen? (Hinweis: Die Antwort hat in beiden Fällen mit zulegen zu tun.) Die Erkenntnis, dass man um den Erwerb eines neuen Mobiltelefons nicht länger herumkommt. Beinkleid und Handyspeicher platzen aus den Nähten.
Das aktuelle Gerät hat weit über ein Jahrfünft am Buckel und ist mittlerweile durch Systemdaten und Updates so zugemüllt, dass man’s nicht mehr auf ein Zuviel an Apps schieben kann. Die meisten Applikationen sind bereits im „Ausgelagert“-Limbus gestrandet und wenn’s mal so weit ist, dass sich selbst die Chat-App weigert, noch ein einziges Wörtchen zwischenzuparken, dann wird’s zähneknirschend Zeit.
Mein mittlerweile pensionierter Lieblings-Greißler pflegte zu murmeln: „Jedem Depp sei App“. Und obschon ich die passivaggressive Übereinenkammscherzung aus Gewogenheit (und weil er die besten Briochekipferln der Welt feilbot) stets überhört hatte, muss ich öfter an den Spruch denken. Die digitalen Helferlein in allen Lebenslagen treiben zuweilen schon recht schräge Blüten.
Ist man zu faul, um aus dem Fenster zu blicken, befragt man die App „Is it dark outside?“, die mit einem nahezu frech-simplen Ja oder Nein am Bildschirm antwortet. Befindet man sich heillos verspätet auf dem Weg in die Arbeit und muss dem verärgerten Chef am Telefon „höhere Gewalt“ einedrucken, weil man im Verkehrschaos samt Hupkonzert festhängt, Godzilla gerade das Haus zerlegt oder die Frau ein Kind zur Welt bringt – alles kein Problem: Es gibt eine App, die passende Hintergrundgeräusche einspielt, während man sich aus der Affäre zieht.
Im Kino kommt die App „RunPee“ recht gelegen, die angibt, bei welcher Filmminute der ideale Zeitpunkt für eine Pinkelpause ist, ohne Wesentliches zu verpassen; praktischerweise kann man, während man am Lokus hockt, nachlesen, was zeitgleich auf der Leinwand passiert. Alternativ zerploppt man Luftpolsterfolie am Handydisplay oder sieht Gras in Echtzeit beim Wachsen zu. Alles per App, versteht sich.
Nach verrichtetem Geschäft markiert man via „Poop Map“, wo man soeben den Porzellan-Thron bestiegen hat, und teilt dies online mit Gleichgesinnten. Warum? Vermutlich aus demselben Grund, aus dem andere ihre Urlaubsfotos posten. Es geht um soziale Teilhabe. Um Sichtbarkeit. Um Spuren für die Nachwelt zu hinterlassen. In dem Fall hoffentlich nur digitale.
Materialisten konnten einst mit der App „I am rich“ zum Preis von läppischen 999,99 Dollar zeigen … nun ja, der Name ist Programm. Nach dem Öffnen der App prangte lediglich ein Pixel-Rubin am Display. Ja. Das war’s. Sonst nix. Und apropos Nichts: All jenen, die beim Lesen in eine existenzialistische Sinnkrise geplumpst sind, empfiehlt sich die App „Nothing“: schwarzer Bildschirm, keine Buttons, kein Menü, keine Ahnung wozu …



