Rosige Retrospektive

BARBARA KAUDELKA ÜBER GEBORGTE NOSTALGIE IM NETZ.

Albert Einstein sagte: „Die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist nur eine besonders hartnäckige Illusion.“ Das Internet macht’s vor, denn 2026 leben wir gleichzeitig in drei Kalendern: im aktuellen Jahr, in irgendeinem dystopischen Zukunftsszenario und neuerdings im Jahre 2016. Der neue Online-Trend „2026 is the new 2016“ geistert durch TikTok, Instagram und den Rest der digitalen Großraumdisco.

Die Feeds sind voller Hundefilter-Fotos, skinny Jeans und wackeligen Videos der „Mannequin-Challenge“; unterlegt mit Musikhits aus 2016. Wo kommt das her? Und wieso verklären so viele Junge das Jahr 2016, obwohl ein Gutteil von ihnen damals noch mit Pausenbrotsackerl statt Powerbank durchs Leben ging? Offiziell: lustige Nostalgie. Inoffiziell: Ausdruck des kollektiven Wunsches, einer komplexen, dauerkrisengebeutelten Gegenwart entgegenzuwirken. Der Müdigkeit gegenüber KI-überfrachteten Feeds, in denen man nicht mehr sicher ist, ob der Sonnenuntergang oder die Person davor überhaupt existiert.

2016 war laut Analysen die letzte Phase, in der Social Media sich noch nach Leichtigkeit, nach Spielplatz und nicht nach Bewerbungsmappe anfühlte. Heute wirken erstaunlich viele Accounts wie kleine, kuratierte Ich-AGs mit Teenie-CEOs. Wohl, weil sich bei vielen Jugendlichen der Berufstraum Influencer manifestiert, weil man durch kreative „content creation“ viral gehen und entdeckt werden kann. Das öffnet Türen, entscheidet mitunter über frühe Karrierechancen (siehe etwa die Debatte um ZDF-Volontariate).

Heute geht nix mehr ohne zielgruppenspezifisch optimierte, KI-gestützte Content-Strategie und Dauer-Check, ob der eigene Feed eh „on brand“, monetarisierbar und kooperationsattraktiv ist. Oida, wie anstrengend! 2016 postete man nicht für Reichweite, sondern, weil einem grad fad war oder der (echte) Sonnenuntergang im Urlaub hinreißend schön: ein Konzept, das 2026 so exotisch wirkt wie ein Festnetztelefon. Romantisierung ist natürlich nur die halbe Wahrheit: 2016 war nicht nur „vibes“, sondern auch politische Bruchlinie (erste Präsidentenamtszeit von Fakenews-Faketan-Ehschowissen, Brexit, Flüchtlingskrise), popkulturell waren viele herbe Verluste zu betrauern: David Bowie, Prince, Carrie Fisher, Umberto Eco oder Bud Spencer.

Und in Summe formierte sich das Fundament genau jener Online-Aufmerksamkeitsökonomie, die uns heute so überfordert. Samma uns ehrlich, Verklärung gab es in jeder Generation: Zehn Jahre sind eine magische Grenze. Alles, was eine Dekade zurückliegt, bekommt automatisch Patina. Kenn ich von mir selbst, nur dass ich mittlerweile in Drei-Dekaden-Schritten denke (lang leben die 90er!). Am Ende ist der „2026 is the new 2016“-Trend das perfekte Abbild unserer Gegenwart: eine Generation, die in die Vergangenheit flieht, um sie zurück in die Zukunft zu bringen. Privat.

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