Beitragsbild: Im Souk, dem traditionellen Markt, fühlt man sich ein wenig an Dantes Purgatorio erinnert. © Michael Schottenberg
Aus dem Reisetagebuch von Michael Schottenberg: Zwischen historischen Mauern und hektischem Treiben entfaltet Marrakesch einen besonderen Zauber.
Ein Spaziergang durch die „Rote Stadt“ gleicht einer Reise auf den Spuren des Dichters Vergil durch Dantes Göttliche Komödie. Wo sonst durchmisst man Inferno, Purgatorio und Paradiso in so kurzer Zeit? Der Platz Djemaa el Fna, die Attraktion des touristischen Marrakeschs, liegt im Zentrum der Altstadt und fungierte in früheren Zeiten als Richtstätte. Am „Platz der Zerstörung“ wurde geköpft und gehenkt, was das Zeug hielt.
Wo, wenn nicht in einem Land, in dem Religion und Staat eine Allianz bilden, liegen Schuld und Sühne näher beisammen – und das sensationslüsterne Volk sah dabei zu. Abschrecken hieß vorbeugen. Den Richtern war’s recht, und die Henker walteten ihres Amtes. Kaufleute, Zahnbrecher, Gaukler, Schlangenbeschwörer und Garküchenbetreiber tummelten sich auf dem riesigen Platz und machten zur Richtstunde gute Geschäfte. Die Symbiose zwischen Tod und Leben war im Halsumdrehen geschaffen, und sie hält bis heute an. Zwar kamen in neuerer Zeit ein paar Fruchtsaftbuden und Folkloretänzer hinzu, das Gesetz des Überlebens aber ist unverändert.
Wer der Touristenhölle mit Leib, Leben und gesundem Geldbeutel entkommt, hat es bis ins Fegefeuer geschafft. Der Weg zur Erlösung allerdings verlangt dem Wanderer noch eine weitere Prüfung ab. In Marrakesch entspricht die labyrinthische Medina mit ihrem Souk Dantes Purgatorio. Die mittelalterliche Shoppingmall hat es in sich. Gnadenlos wird der Fremde dem Zauber orientalischer Verführungskunst ausgesetzt. Die Jagdsaison ist eröffnet, denn kaum setzt der Büßer seinen Fuß in die vom Tageslicht fahl beleuchteten Gänge, überfällt ihn eine alle Sinne betäubende Flut an Gefahren und Gerüchen.
Abgaswolken von Mopeds, verdauende Esel, umstürzende Gemüsekarren, Botenläufer, die sich ihren Weg freispucken, Essensgerüche, Parfümschwaden und der beißende Geruch von Garküchen: Das Fegefeuer hält für jeden etwas bereit, und seien es auch nur Helping Hands, die flink nach Rucksäcken greifen. Daneben werden Waren aller Art angeboten: Fleisch, Teppiche, Silberwaren, Gewürze, Lederpantoffeln, Krimskrams und Kokolores. Wer will noch mal, wer hat noch nicht. Verängstigt taumelt der Hilfesuchende durch das Chaos, indes sich Trauben von Ortskundigen mit ihm verbrüdern, um gegen kleines Geld den Weg zu weisen. Spätestens wenn das Quartier des tanneurs erreicht ist, entgeht man seiner alttestamentarischen Strafe nicht.
Der Gestank, in dem die Ärmsten der Armen ihrer erbärmlichen Gerber-Arbeit nachgehen, bleibt unvergesslich. Hier heißt es: Nase zu und durch! Vorbei am Musée du Parfum stolpert man endlich einem der mächtigen Medina-Tore zu, und wenn man Glück hat, eröffnet sich einem dort das goldene Licht des zu Ende gehenden Tages. Gueliz heißt das schicke Viertel der alten Königsstadt. Palmenalleen, blühende Jacaranda-Bäume, Villen inmitten prachtvoller Gärten, übersät mit Bougainvilleen. Hier wohnt, wer es sich leisten kann. Mit der mittelalterlichen Innenstadt hat dieser Stadtteil nichts zu tun. Ein französischer Modeschöpfer hat hier vor Jahren nach seiner Sehnsucht Ausschau gehalten – und sie gefunden.
Der Jardin Majorelle ist eine Offenbarung aus Natur und Poesie, ein Garten der Inspiration, angelegt vom Malerfürsten Jacques Majorelle, Jahre später verfeinert vom Genius Yves Saint Laurent mit Sinn für das Schöne und Teure. Hier wähnt sich der nach Erlösung Suchende am Ziel: Bambushaine, Agaven, Wasserbecken, exotische Hölzer, Blumen und Kakteen – und eine „Villa“, die die Pracht Arkadiens in den Schatten stellt. Das Abendrot Marokkos lässt die Farben des Modeschöpfers noch leuchtender erstrahlen, als sie es ohnehin schon tun: Blau, Orange, Mauve, Gelb. Nirgendwo möchte man länger verweilen als eben hier. Der Weg Vergils ist beschritten, das Paradiso erreicht.









