Der Hüter der Zeit

Beitragsbild: Der Lorbeerwald auf Madeira ist ein subtropischer Regenwald und UNESCO-Weltnaturerbe. Er bedeckt ungefähr 20 Prozent der Insel. © Michael Schottenberg

Aus dem Reisetagebuch von Michael Schottenberg: Dank eindrucksvoller Berggipfel und üppiger Vegetation ist die Insel Madeira ein wahres Wanderparadies.

Wem beim Anflug auf die Götterinsel Zweifel aufkommen, ob diese ihrem Ruf als Wanderparadies gerecht wird, dem sei gesagt: Madeira ist auf Schusters Rappen mindestens so attraktiv zu erkunden wie deren Schwesterninseln, die Kanaren oder Kapverden. Grate und Gipfel falten sich senkrecht auf, Felsklippen fallen in die aufgewühlte Gischt des Atlantiks. Palmen, Bananen und Zuckerrohr wachsen wie Unkraut. Kein Wunder, „Madeira“ heißt auf Deutsch „Holz“. Die Vegetation ist üppig wie sonst nur in der Karibik oder auf den heißen Inseln Südostasiens. Eine Spezialität aber gibt es, die ich nirgendwo sonst sah: die „Levadas“, Wasserläufe, die im Hochland des Nordens beginnen, um das kostbare Nass aus den Bergen in die trockenen Täler des Südens zu transportieren. Auch die Wandervögel profitieren davon, lässt es sich doch kaum wo attraktiver spazieren als am Rand der Rinnen. Weitgehend eben geht’s vorerst durch Taleinschnitte und Lorbeerwälder, bis man hinaufkommt zu den nie versiegenden Quellen des Regenwaldes. Über dreitausend Kilometer lang ziehen sich die Pfade auf den Sockeln der steinumfriedeten Kanäle quer über die Insel hin.

ALS HÖHEPUNKT meiner Entdeckungstouren entpuppte sich die „PR 18“, eine ins Tal des Ribeiro Bonito führende Wanderung, in unmittelbarer Nähe des Dorfes São Jorge. Die „Levada do Rei“ bietet Außergewöhnliches: dichte Eukalyptuswälder, mannshohe Baumheiden, blühende Jacaranda-Bäume, dazu noch jede Menge Agaven, Weihnachtssterne und Lilien. Und immer wieder treffe ich auf meine Lieblingsblume, die Paradiesvogelblume aka „Strelitzia reginae“. Gebückt passiere ich eine Höhle, unterquere einen Wasserfall, hüpfe über ein Bachbett und balanciere auf der schmalen Kante der Kanäle. Der Weg wird, je weiter ich in den Dschungel vordringe, selektiver. Immer wieder versperren Wehre den Lauf des Wassers und leiten ihn in andere Rinnen um.

EIN MANN STEHT DA und reinigt mit einer langen Stange den Kanal. Er ist einer der unzähligen „Levadeiros“, die sich um die Instandhaltung der Wasserwege kümmern. Seit Jahrhunderten schon verrichten diese Männer in teils schwer zugänglichem Terrain ihre Arbeit und stehen als Symbol für die Verbindung zwischen Natur und Zivilisation. Der Mann macht keine Anstalten, den Fremden auch nur eines Blickes zu würdigen. „Machen Sie das schon lange?“, frage ich auf Englisch. „Lange genug“, brummt der Alte. Er kniet nieder und befördert einen Ast aus dem glucksenden Wasserlauf. Rundum: hochaufragende Berggipfel, undurchdringliche Wälder, weiter drüben zeigt sich der dunkelblaue Atlantik. „Bom ano novo“, höre ich den Mann sagen. Tatsächlich, morgen beginnt ein neues Jahr, fast hätte ich das vergessen, so sehr nimmt mich der Anblick der seit Millionen von Jahren unveränderten Natur gefangen. Selten noch habe ich ein intensiveres Gefühl von Zeit und Raum empfunden. Der Arbeiter richtet sich auf und blickt mich an. Er wünscht mir ein „Gutes Jahr“. „Glück und Gesundheit“, füge ich noch hinzu, „Felicidade e saude!“. Der Mann nickt. „Wie lange tun Sie das schon, was Sie tun?“, radebreche ich. „Lange“, sagt er, „lange. Das Wasser fließt und solange es fließt, so lange gibt es Leben. Steht es still, ist alles zu Ende.“

ICH SETZE MEINEN WEG FORT. Dort, wo sich der Pfad verläuft, kehre ich um. Jetzt erst merke ich, dass ich die ganze Zeit über gegen den Lauf des Wassers gegangen bin. Nun lasse ich mich treiben, mal überhole ich es, dann wieder fließt es schneller als ich gehen kann. Ich blicke mich um. Der Hüter der Zeit ist verschwunden.

IM DORF SÃO JORGE treffe ich ihn wieder. Er sitzt vor der einzigen Kneipe des Ortes und trinkt Bier. Als ich an ihm vorübergehe, würdigt er mich keines Blickes. Weiß er, welches Glücksgefühl diese Wanderung in mir ausgelöst hat? Indem er dem Wasserlauf ein paar aufgeweichte Blätter entnommen hat, sogar ein Ästchen, hat er dessen Geschwindigkeit beeinflusst. Die Schönheit der Natur hat mich auf meinem Weg wiederholt den Atem anhalten lassen. So habe ich verloren, was ich gewann: Zeit. Für das bewusste Erleben des Augenblicks möchte ich ihm danken. Der Alte aber hat anderes zu tun, als die letzten Stunden des Jahres an die kruden Gedanken eines Reisenden zu verschwenden. Er nimmt einen letzten Schluck Bier, erhebt sich, legt ein paar Münzen auf den Tisch und verschwindet im Wald. Ich mag es ihm nachfühlen.

Madeiras Wasserwege, bekannt als Levadas, stehen als Symbol für die Verbindung zwischen Natur und Zivilisation. Sie leiten Wasser vom regenreichen Norden in den trockenen Süden. © Michael Schottenberg

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