Zwischen Nostalgie und Unheil: Mercedes Helnwein zurück in Wien

Beitragsbild: © Eliska Sky

Ein Cadillac im künstlichen Licht, eine Promqueen mit entrücktem Blick, eine verlassene Tankstelle irgendwo im amerikanischen Nirgendwo: Die Bilder von Mercedes Helnwein wirken vertraut, obwohl man nie ganz sicher sein kann, was in ihnen eigentlich passiert. Ab 23. Oktober kehrt die österreichisch-amerikanische Künstlerin mit ihrer neuen Ausstellung „Ground Zero“ nach Wien zurück. Zwei Jahre nach ihrer Österreich-Premiere „Sometimes“ zeigt die Galerie Kovacek & Zetter eine neue Werkschau der international gefragten Künstlerin.

Der Titel „Ground Zero“ trägt eine schwere Geschichte mit sich. Ursprünglich im Manhattan-Projekt der 1940er-Jahre für das Zentrum einer nuklearen Explosion verwendet, wurde der Begriff nach dem 11. September 2001 untrennbar mit dem zerstörten World Trade Center verbunden.

Der Moment, in dem etwas kippt

Helnwein löst ihn aus diesem konkreten historischen Zusammenhang und übersetzt ihn ins Persönliche. Ihr „Ground Zero“ bezeichnet einen Point of no Return: jenen Moment, in dem etwas endet, ohne dass bereits klar wäre, was danach kommt. Genau in diesem Schwebezustand tauchen ihre Figuren auf. Erklärungen liefert Helnwein bewusst nicht. Ihre Protagonist:innen bleiben Projektionsflächen. Man sieht sie an, sucht nach Hinweisen und beginnt beinahe automatisch, Geschichten um sie herum zu bauen.

Amerika, aber irgendwie anders

Helnweins Amerika besteht aus Vorstadtgärten, High-School-Sporthallen, Texaco-Tankstellen, Cadillacs und Motel-Eisautomaten. Es ist ein Land, das man aus Filmen und Fotografien zu kennen glaubt – und das sich bei näherem Hinsehen jeder eindeutigen zeitlichen Einordnung entzieht. In ihren Arbeiten treffen Film Noir der 1940er- und 1950er-Jahre, die „Untitled Film Stills“ von Cindy Sherman, der amerikanische Realismus eines Edward Hopper oder Andrew Wyeth und die Atmosphäre des frühen Blues aufeinander. Daraus entsteht kein nostalgischer Rückblick, sondern das, was Helnwein selbst als „paralleles Jetzt“ bezeichnet. Krankenschwestern, Cheerleaderinnen oder Ballköniginnen tragen ihre Kleidung darin fast wie Uniformen. Ihre Gesichter bleiben maskenhaft, die Situationen rätselhaft. Etwas scheint gerade passiert zu sein – oder unmittelbar bevorzustehen.

Die Handlung ist gar nicht das Wichtigste

Dabei interessiert Helnwein weniger die fertige Geschichte als der Mensch in ihr. „Ich bin ein Mensch, der von Erzählungen in den Bann gezogen wird“, sagt die Künstlerin. Bei visueller Kunst trete die Handlung für sie jedoch schnell in den Hintergrund: „Es ist immer die menschliche Reaktion, die mich fesselt.“ Sie sucht nach jenem kurzen Moment, in dem eine Figur etwas Wahrhaftiges über sich preisgibt. Dabei versteht sich Helnwein selbst keineswegs als distanzierte Beobachterin: „Menschen sind seltsam, und genau darin liegt die Schönheit. Als Künstlerin bin ich ein Eindringling.“ Ihr Interesse gelte dem Blick hinter die Fassade – oder, wie sie es drastischer formuliert, der „verborgenen (oder nicht ganz so verborgenen) Shitshow“.

Heldin, Antiheldin – oder beides

Besonders häufig richtet Helnwein diesen Blick auf Frauen. Ballköniginnen, Brautjungfern, Hexen, Krankenschwestern oder Mädchenbanden bevölkern ihre Bildwelten. Dabei verweigert sie ihnen die klassische Rollenverteilung. Ihre Protagonistinnen dürfen Heldinnen und Antiheldinnen zugleich sein. „Ich glaube, dass Menschen von Natur aus nicht normal sind“, sagt Helnwein. Genau diese Abweichungen interessieren sie. Hält sie ihre Figuren lange genug in einem Moment fest, so ihre Überzeugung, beginnen die gesellschaftlichen Fassaden zu bröckeln. Darin steckt auch ein wiederkehrender Konflikt ihres Werks: Wie viel von einem Menschen ist Rolle, wie viel Individuum? Und was bleibt übrig, wenn die vertrauten sozialen Codes plötzlich nicht mehr funktionieren?

Von Wien nach Los Angeles

Mercedes Helnwein wurde 1979 in Wien als Tochter des Künstlers Gottfried Helnwein geboren. Nach Stationen in Deutschland und Irland lebt und arbeitet sie heute zwischen Tipperary und Downtown Los Angeles. Trotz ihrer langen Verbindung zu den USA beschreibt sie ihren Blick auf Amerika weiterhin als europäisch geprägt. Diese Position zwischen Nähe und Distanz scheint für ihre Arbeit entscheidend. Helnwein interessiert sich gleichermaßen für Steinbeck und Delta Blues wie für Bankbroschüren oder amerikanische Supermarktästhetik. Hochkultur und Alltagsbanalität existieren in ihren Arbeiten nebeneinander. International hat sie damit längst Aufmerksamkeit gefunden.

© Mercedes Helnwein

Ihre Werke werden unter anderem von Damien Hirst, Wim Wenders, Nicolas Cage, Milla Jovovich und Courtney Love gesammelt. Hirst kaufte 2010 sämtliche Arbeiten ihrer Londoner Ausstellung „Whistling Past the Graveyard“. Zuletzt waren Helnweins Arbeiten 2025 im Museum Bensheim und 2026 im Werner Berg Museum in Bleiburg zu sehen.

Zurück auf Ground Zero

Nun also Wien. Die Galerie Kovacek & Zetter, die seit ihrer Erweiterung 2024 verstärkt zeitgenössische und weibliche Positionen zeigt, bringt Mercedes Helnwein zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren in ihre Geburtsstadt. „Ground Zero“ erzählt dabei keine Geschichte, die sich einfach entschlüsseln ließe. Vielmehr öffnet die Ausstellung Räume für all das, was zwischen den Bildern passiert: für Vermutungen, Projektionen und das Unbehagen darüber, nicht genau zu wissen, was man gerade sieht.

INFO:
Mercedes Helnwein – „Ground Zero“
Ab 23. Oktober 2026
Galerie Kovacek & Zetter, Wien

Carla Hoffmann
Carla Hoffmann
Redakteurin Vormagazin

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