Ein Riss geht durch Wien: Fabian Navarro gewinnt mit „Vienna Falling“ den Wiener Krimipreis

Beitragsbild: © Stefan Diesner

Was passiert, wenn sich plötzlich ein riesiger Spalt vor dem Stephansdom auftut und ein deutscher Tourist darin verschwindet? In seinem Roman „Vienna Falling“ konfrontiert Fabian Navarro Wien mit einem ziemlich ungewöhnlichen Ereignis. Dafür wurde der Autor am 22. Oktober mit dem Wiener Krimipreis 2026 ausgezeichnet. Wir haben ihn direkt nach der Preisverleihung getroffen und mit ihm über seinen Blick auf Wien, ungewöhnliche Erzählformen und die Menschen hinter seinem Buch gesprochen.

Wien-Urlaub mit ungeahnten Folgen

Eigentlich wollten Renate und Jürgen Weber nur ein paar schöne Tage in Wien verbringen. Doch dann öffnet sich plötzlich ein gewaltiger Spalt vor dem Stephansdom, Jürgen stürzt hinein und seine Frau versucht verzweifelt, ihn zu retten. Dabei bekommt sie es nicht nur mit einem rätselhaften Ereignis zu tun, sondern auch mit den Wiener Behörden. Was wie der Beginn eines Katastrophenfilms klingt, ist die Ausgangslage von Fabian Navarros Roman „Vienna Falling“. Der Autor verbindet darin eine absurde Grundidee mit einem genauen Blick auf die Eigenheiten der österreichischen Bundeshauptstadt. Dabei geht es ihm nicht nur darum, eine spannende Geschichte zu erzählen, sondern auch darum, wie eine ganze Stadt auf etwas reagiert, das sich eigentlich nicht erklären lässt.

vormagazin: Herr Navarro, worum geht es in „Vienna Falling“?

Fabian Navarro: „In dem Buch geht es darum, dass Renate Weber und Jürgen Weber Wien-Urlaub machen und sich auf einmal ein riesiger Spalt vor dem Stephansdom auftut. Jürgen fällt hinein, und dann versucht Renate, ihn zu retten, und scheitert ein wenig an den Wiener Behörden.“

Wien durch die Augen eines Touristen

Fabian Navarro stammt ursprünglich aus einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen nahe dem Sauerland. Nach seinem Germanistikstudium in Hamburg zog es ihn nach Wien. Seit rund 15 Jahren arbeitet er selbstständig als Poetry-Slammer und Autor. Gerade weil er nicht in Wien aufgewachsen ist, wollte er die Stadt in seinem Roman nicht aus der Perspektive eines vermeintlichen Insiders beschreiben. Stattdessen entschied er sich bewusst für zwei deutsche Touristen als Hauptfiguren.

vormagazin: Warum war es dir wichtig, Wien aus der Perspektive von Touristen zu erzählen?

„Die touristische Linse war für mich wichtig, weil ich nicht einfach über Wien schreiben und so tun wollte, als wäre ich Wiener. Das bin ich nicht. Aber die touristische Linse gibt mir total viele Freiheiten. Man kann Dinge mit einem Blick beschreiben, der gleichzeitig auch Menschen etwas näherbringt, die Wien vielleicht noch nicht kennen.“

Dieser Zugang erlaubt es Navarro, die Stadt gleichzeitig von innen und außen zu betrachten. Was für Wiener:innen selbstverständlich erscheint, wird durch die Augen von Renate und Jürgen plötzlich erklärungsbedürftig, manchmal absurd und oft ziemlich komisch. Und noch etwas war ihm wichtig: Auch Menschen, die Wien nicht kennen, sollten die Geschichte verstehen können. „Dass meine Eltern das lesen können zum Beispiel“, erzählt er lachend.

Ein Roman, viele Stimmen: Die ganze Stadt erzählt

Besonders ungewöhnlich ist die Fassungsform von „Vienna Falling“. Navarro erzählt seine Geschichte nicht ausschließlich in klassischen Romanpassagen. Stattdessen finden sich im Buch auch Nachrichtenmeldungen, Forenbeiträge und E-Mails. Diese unterschiedlichen Textformen sind kein bloßes stilistisches Experiment. Sie spiegeln wider, wie eine Stadt tatsächlich auf ein außergewöhnliches Ereignis reagieren würde.

vormagazin: Du bezeichnest „Vienna Falling“ als multimedial erzählten Roman. Wie kam es zu dieser Idee?

„Ich bin selbst in unterschiedlichen Medien zu Hause und bediene verschiedene Modi. Das wollte ich beim Romanschreiben nicht aufgeben. Deswegen ist ein Kapitel beispielsweise eine Nachrichtenmeldung, in der die Stadt auf das Ereignis reagiert, ein anderes besteht aus Forenbeiträgen oder E-Mails.“

Für Navarro ist Wien dabei weit mehr als nur die Kulisse der Handlung. Die Stadt entwickelt durch ihre vielen Stimmen beinahe eine eigene Persönlichkeit. „Die Stadt ist die Protagonistin. Und sie reagiert in vielen Stimmen. Diese Stimmen sind nicht immer gleich, und es wird auch auf unterschiedliche Art auf das Ereignis reagiert. Das war mir wichtig abzubilden. Es soll so wirken, also wäre der Spalt 2023 wirklich passiert. Ich versuche, so natürlich wie möglich zu erzählen, wie die Stadt auf dieses seltsame Ereignis reagiert.“

So entsteht ein Roman, der nicht nur von einem rätselhaften Vorfall erzählt, sondern auch davon, wie Informationen entstehen, weitergegeben, kommentiert und interpretiert werden. Ein Gedanke, der angesichts unserer heutigen Medienlandschaft durchaus aktuell ist.

„Die Stadt ist die Protagonistin. Und sie
reagiert in vielen Stimmen.“

– Fabian Navarro

Stephansdom bis zum Buchschnitt

Dass Wien in „Vienna Falling“ eine Hauptrolle spielt, zeigt sich bereits bei der Gestaltung des Buches. Sogar der Farbschnitt, also die eingefärbten Seitenkanten, greift eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt auf: das charakteristische Dach des Stephansdoms. Für Navarro ist diese Gestaltung ein Beispiel dafür, wie viele Menschen an der Entstehung eines Buches beteiligt sind.

vormagazin: Wie wichtig war dir die optische Gestaltung von „Vienna Falling“?

„Der Farbschnitt ist das Dach vom Stephansdom, und ich bin total happy damit. Die Menschen beim Leykam Verlag haben sich so reingekniet, dass dieses Buch auch das werden konnte, was es jetzt ist.“

© Stefan Diesner

Warum ein Buch niemals allein entsteht

Wer schreibt, verbringt zwangsläufig viel Zeit allein mit seinen Gedanken. Für Fabian Navarro ist Literatur trotzdem alles andere als eine Einzelleistung. „Ein Buch ist für mich immer eine Gemeinschaftsarbeit“, betont der Autor. Dabei denkt er nicht nur an die Zusammenarbeit mit dem Verlag, sondern auch an jene Menschen, die seine Texte schon lange vor der Veröffentlichung begleiten. Freund:innen und erste Leser:innen geben Feedback, manchmal testet Navarro ein fertiges Manuskript vor Publikum, noch bevor es ins Lektorat geht. So kann er unmittelbar erleben, ob eine Geschichte auch beim Vorlesen funktioniert.

Gerade seine langjährige Erfahrung als Poetry-Slammer kommt ihm dabei zugute. Er ist es gewohnt, mit Sprache zu experimentieren und die Reaktionen seines Publikums direkt wahrzunehmen. Doch auch abseits der Bühne gibt es Menschen, ohne die seine Bücher wohl nicht dieselben wären. „Die Leute, die zu den Lesungen kommen, oder meine Partnerin, die aushalten muss, dass ich Bücher schreibe – das sind alles Menschen, die mir sehr, sehr wichtig sind“, erzählt er.

Zwischen Poetry Slam, Lesungen und neuen Ideen

Mit dem Wiener Krimipreis erhält Navarro eine besondere Auszeichnung. Zeit zum Ausruhen bleibt allerdings kaum. Noch am Abend der Preisverleihung hielt im Rahmen der Kriminacht 2026 eine Lesung im Café Museum. Vielleicht eröffnet ihm die Auszeichnung auch noch eine neue Möglichkeit. Denn eine Sache würde der Autor besonders gerne verwirklichen: „Vienna Falling“ selbst als Hörbuch einzusprechen. „Ich hätte schon Lust, das Buch einzulesen. Falls jemand jetzt nach dem Preis Lust hat, das zu machen, meldet euch!“, richtet er einen augenzwinkernden Aufruf an mögliche Interessierte. Bis dahin ist „Vienna Falling“ als gedrucktes Buch und E-Book im Buchhandel erhältlich.

INFO:
kriminacht.at

Carla Hoffmann
Carla Hoffmann
Redakteurin Vormagazin

Latest Posts

Erstellt am:
Anzeige

Für den vormagazin-Newsletter anmelden – Bleib mit uns in Bewegung

Neueste Beiträge