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Montag, September 26, 2022

Als Geflüchtete in Ost-Berlin aufwachsen – Buchtipp von Helmut Schneider

Als Geflüchtete in Ost-Berlin aufwachsen – Aroa Moreno Durán: Die Tochter des Kommunisten.

Als der Bürgerkrieg in Spanien verloren ging, flüchteten viele Republikaner in die Sowjetunion. Einige zog es nach dem Weltkrieg dann in die neugegründete DDR – zurück ins Franco-Regime konnten sie ja nicht. In ihrem literarischen Debüt erzählt Aroa Moreno Durán eine Familiengeschichte aus der Sicht des Mädchens Katia, das in den 1950er-Jahren in Ostberlin im Schatten des Eisernen Vorhangs aufwächst. Mit den Eltern spricht sie zwar Spanisch, aber sonst ist sie natürlich eine ganz normale junge deutsche Frau, die sich nach dem Bau der Mauer freilich zunehmend eingesperrt fühlt. Obwohl die Eltern glühende Kommunisten sind und sie die Angebote der Bürokratendiktatur, in die sich die DDR immer mehr entwickelt – wie das bisschen Jugendkultur und Weltsolidarität – gerne annimmt, bleibt dieses Gefühl von Unfreiheit bestehen. Zumal Katia einen jungen Mann aus dem Westen kennenlernt, der ihr anbietet, sie nach West-Deutschland mitzunehmen. Mit falschen Papieren gelingt die Flucht über die Tschechoslowakei und Österreich, aber die Eltern und die jüngere Schwester bleiben ahnungslos zurück. Es wäre – wie sich später auch bestätigt – zu gefährlich gewesen, sie einzuweihen.

Damit beginnt Katias schmerzliche Integration in einer Kleinstadt in Süddeutschland. Ihr sehr familiär eingestellter Mann sieht sie als Hausfrau, ihr in Ostberlin begonnenes Studium zählt hier nichts. Sie bekommt Kinder und vermisst schmerzlich ihre Eltern, ihre Schwester und ihre Freundin. Jeglicher Kontakt ist unmöglich.

Aroa Moreno Durán kann Katias Schmerz und schließlich das Scheitern von Katias Ehe sehr subtil und doch nachvollziehbar darstellen. Heimat scheint letztlich immer dort zu sein, wo man aufwächst – auch wenn das Leben damals alles andere als ideal war. Nach der Wende sucht Katia ihre Familie und erfährt – im Nachhinein nicht wirklich überrascht – dass ihr inzwischen verstorbener Vater ein Stasi-Spitzel in der spanischen Community war. Ein Roman, der bewegt und der zeigt, dass sich Menschen nicht so einfach von einer Kultur in eine andere transferieren lassen. Und das selbst wenn sprachliche Barrieren nicht vorhanden sind.


Als Geflüchtete in Ost-Berlin aufwachsen – Aroa Moreno Durán: Die Tochter des Kommunisten. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Aroa Moreno Durán: Die Tochter des Kommunisten
Aus dem Spanischen von Marianne Gareis
btb
176 Seiten
€ 22,70

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