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Sonntag, November 27, 2022

Barbara Kaudelka: Aufgegaberlt

Bild: ©Carina Antl

Barbara Kaudelka abseits der Bananenflanke.

Schottland hat ein nasses. Die Milchstraße hat ein schwarzes. Und seit neuestem hat auch das Wiener Ernst-Happel-Stadion eines: Die Rede ist vom berühmten Loch. Liebe Trypophobiker, ihr müsst jetzt stark sein, diese Kolumne beschäftigt sich mit jenen Dingern, die ihr fürchterlich findet. Sie plagen manch zuckeraffinen Zahn, suchen Österreichs Budget regelmäßig heim und gelten, am Hosengürtel befindlich, als informeller Wamperl-Index. Löcher, wohin man blickt. Im jüngst durch die Medien dribbelnden Fall kreuzte ein Schlagloch den Pfad von König Fußball; und der war „not amused“. Das Nations-League-Ländermatch der heimischen Herren-Elf gegen Dänemark schaffte es durch einige unglückliche Ereignisse in die Schlagzeilen: vor Anpfiff fehlendes Flutlicht aufgrund behäbiger Stadion-Notstromaggregate, nach Abpfiff ein knietiefes Loch im Mittelkreis der Spielfläche. Dieses hatte sich durch heftige Regenfälle der vorangegangenen Tage gebildet. Das sich daraus entsponnene Politikum war kurzzeitig so spektakulär, wie einst der Skorpion-Kick des kolumbianischen Goalies Higuita.

Das ehemalige Praterstadion, aufgrund seiner in die Jahre gekommenen Struktur schon lange Zankapfel um die Abrissbirne, muss seither für jede Menge Spötteleien herhalten: Vom freigelegten Zugang zur erdinneren Reptiloiden-Hohlwelt bis zur aufgeflogenen unterirdischen Teigtascherl-Fabrik war alles dabei und ließ auch mich ein bisserl schmunzeln. Auch im berichterstattenden Blätterwald rauschte es enorm; der allgemeine Tenor bescheinigte eine hochnotpeinliche Austro-Misere. Nun, ob sich die Republik Österreich angesichts manch innerpolitischer „Fouls“ der mittleren Vergangenheit ausgerechnet durch ein Loch im Fußballrasen im internationalen Ansehen geschadet hat, ist letztlich eine Frage der Gewichtung, die man dem Bestreben, das Runde ins Eckige zu bugsieren, beimessen möchte. Unbestreitbar ist jedoch, dass der Zustand des Stadiongrüns nicht ungefährlich war: Nicht auszudenken, hätte sich die Senke bereits während des – im wahrsten Sinne des Wortes – laufenden Spiels aufgetan.

Verletzungsgefahr für Mensch und Tier – hochdotierte Spielerbeine einerseits, tief über dem Rasen fliegende Schwalben andererseits. Aber Spaß beiseite: das hätte bös enden können, zum Glück war der Stadionboden das Einzige, das nach der Partie einer Magnetresonanzuntersuchung unterzogen werden musste. Eine Fraktur lässt sich nach dem Vorfall allerdings diagnostizieren: Pflaster drüber, weiter geht’s wird’s diesmal wohl nicht spielen. Man mag zur Industrie Profi-Fußball stehen, wie man will, die Sicherheit aller Beteiligten darf aber nie ein Elferschießen sein. Mögen im National-Oval künftig die BallkünstlerInnen wieder ungestört das Leder kicken, die Wuchtel passen und ins Tor ferscherln. Und das Publikum im besten Sinne „narrisch“ werden.


Barbara Kaudelka

Barbara Kaudelka ist Schauspielerin, Tonstudiosprecherin und Medienmensch.

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