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Donnerstag, Oktober 6, 2022

Der DAU auf Reisen

Eines kann auch die schlaueste App nicht: menschliche Blödheit kompensieren. „DAU“ heißt das in der Sprache der Entwickler. DAU steht für „dümmster anzunehmender User“ – und zu akzeptieren, dass damit ich gemeint bin, ist nicht gerade das, was ich gerne zugebe.

Aber: Fakt ist, dass ich es beinahe gescha fft hätte, ein Rad zu klauen – ohne es zu bemerken. Fakt ist auch, dass ich es nur dem automatischen Erinnerungstool von „nextbike“ und der VOR-Service-Hotline verdanke, dass ich nicht ein „entführtes“ Gratis-Leihrad auf dem Gewissen habe – das zwar friedlich in seiner Station steht, von der aber kein Mensch weiß, wo sie ist. Aber ich habe Milderungsgründe: Es goss in Strömen. Ich war waschelnass. Ich wollte nur in den Bus. Und heim. Zwei Stunden irgendwas würde das dauern. Sagte die App – und die hatte sich beim Weg hierher ja auch nicht geirrt.

Aber der Reihe nach. „Schick uns ein Foto vom Lunzer See“, hatte der Auftrag gelautet. Nicht irgendein Foto – sondern eines, das bewies, dass ich die Spielregeln befolgt hatte: Ich sollte nach Plan fahren. Nach Fahr- und Routenplan. Von daheim (Wien-Mariahilf) nach Lunz. An den See. Ich sollte die neue App des VOR benutzen: „AnachB | VOR“-App heißt die. Ich möge ö ffentlich reisen. Oder mit dem Rad. Oder zu Fuß.

Ich gehe ja gerne spazieren – aber 189 Kilometer? Zum Glück sieht das die App auch so: „Leider konnte zu Ihrer Anfrage keine Verbindung gefunden werden“ stand da. Immerhin: Mit dem Rad hätte mir die „multimodale Verkehrsauskunft“ die Strecke zugetraut. Exakt 11 Stunden und 59 Minuten würde ich für 189 Kilometer im Sattel sitzen. Und einen Orden verdienen. Respektive ein Zertifikat. Weil auf dieser Fahrt 0,00 Kilogramm CO2-Treibhausgas emittiert worden wären. Schön – aber nicht realistisch. Plan B heißt „Ö s“: U-Bahn, InterCity, Regionalexpress, Linienbus – und dann mit dem Gratisrad die zwei Kilometer vom Ortszentrum an den See. Sagte die App von VOR. Klang gut.

Drei Stunden und ein paar Minuten – ohne Stress und Schweiß. Und mit 4,6 Kilo CO2-Emission deutlich unter jenen 16 Kilo, die ich im Auto verursachen würde. Okay: Der Pkw wäre schneller (rund 35 Minuten) – aber nur, wenn der Verkehr sich an die Stau- und Baustellenmeldungen der App hielte. Aber: Lesen, essen, E-Mails schreiben on-the-go? Ö ffis sind eben doch stressfreier.

Die App schlug mir auch vor, mich in der Kiss & Ride-Zone des Westbahnhofs aussteigen zu lassen. Doch auch bei durchschnittlicher Abschiedsbussidauer braucht das Auto länger durch die Stadt als die U-Bahn. Mit dem Pkw zur Park & Ride- Anlage? Kein blöder Vorschlag; aber nicht für Leute, die – wie ich – an der U-Bahn wohnen.

Oder … Und so weiter. Kurz gesagt: Die App lieferte sämtliche Möglichkeiten in allen Kombinationen. Nur Flugverbindungen nach Lunz fehlten.

Ich bin Berufsskeptiker: Die Pläne klangen gut. Aber wie würde die Wirklichkeit sein? Erstaunlicherweise hielten sich Züge und Busse exakt an die App. Sogar die Fußweg-Karten stimmten: Die einzige Chance, damit in Waidhofen NICHT vom Bahnsteig den Regionalbus zu erreichen, hätte darin bestanden, vor lauter Auf-das-Smartphone-Starren gegen den Bus zu rennen. Das scha ffe nicht einmal ich.

So war ich pünktlich in Lunz. Zehn Meter neben der Bushaltestelle ist die nextbike-Leihradstation. Den Code fürs Fahrradschloss bekam ich binnen Sekunden, nachdem ich in der nextbike-App die Radnummer eingegeben hatte. An den See fuhr ich in fünf Minuten. Es begann zu schütten. Ich knipste mein Bild, radelte zurück, hängte das Rad an und ignorierte die Busfahrer-Ansage, dass das „der kürzeste Radausflug in der Geschichte von Lunz“ gewesen sei. Wichtiger: Die App verriet mir, wann ich daheim sein würde. Kinderspiel.

Da trotzdem einen Fehler einzubauen, war eine echte Leistung. Doch am nächsten Tag kam ein SMS: „Lieber nextbike-Nutzer. Sie haben Ihr Fahrrad jetzt seit über 22 Stunden …“ Ausloggen via App ist einfach. Man sollte nur ungefähr wissen, wo das Rad steht … Zum Glück gibt es beim VOR eine Service-Hotline. Dort sitzen echte Menschen. Freundlich und hilfsbereit. Die lachen erst, nachdem Leute wie ich wieder aufgelegt haben. Davor erklären sie mit Engelsgeduld, wo ich gewesen sein könnte. Und wie ich das in der die App sehen kann. Das Wort „deppensicher“ verkneifen sie sich. Höflicherweise. 

Denn genau – deppensicher – das ist die App. Eigentlich. Aber keine Angst: Beim nächsten Versuch finde ich sicher wieder eine Möglichkeit, etwas falsch zu machen. Als DAU habe ich ja einen Ruf zu verlieren – obwohl man es mir immer schwerer macht.

SMART UNTERWEGS

Die „AnachB | VOR“ -App des Verkehrsverbund Ost-Region basiert auf dem Online-Routenplaner der Verkehrsauskunft Österreich (VAO). Mit der App können Routen für Öffi s, Fahrrad, zu Fuß oder Auto kombiniert werden – für ganz Österreich. Das Miteinbeziehen der aktuellen Verkehrs-, Stau- und Baustellensituationen, Parkplatzsuchzeiten, aber auch Verspätungen oder Ausfällen im Öffentlichen Verkehr ermöglicht realistische Reisezeitvergleiche aller Verkehrsmittel. Österreichweit sind über 600 Park & Ride-Anlagen, über 450 Leihfahrrad-Stationen sowie über 1.000 Rast- und Parkplätze eingebunden. Die Verfügbarkeit von Leihrädern an den Stationen wird über die App kommuniziert. Abfahrtsorte und Routen können auch als Favoriten gespeichert, Routeninformationen in den Kalender aufgenommen werden. Außerdem gibt es Tarifi nformationen zu Routen in Wien, Niederösterreich, Burgenland und Tirol. Die „AnachB | VOR“-App gibt es für Android- und iOS-Geräte.

Info: www.anachbvor.at

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