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Montag, August 15, 2022

Interview mit Michael Niavarani

VORmagazin: Wie kam es dann dazu, dass du ein Shakespeare- Stück spielst?

Michael Niavarani: Die Idee ist entstanden, als ich Shakespeares Richard III. gelesen habe. In dem Stück kommen die Figuren der zwei Mörder vom Herzog von Clarence vor. Das sind die Komiker in dem Stück, zwei doch recht liebenswerte Figuren, die den Herzog eigentlich gar nicht umbringen wollen. Aber es doch müssen, weil sie den Auftrag dazu haben – und sie tun dies schlussendlich auch. Und das war die Initialzündung. Ich hab mir gedacht: Man muss Richard III. einmal aus der Sicht der einfachen Leute, wie dieser beiden, erzählen. Wie sie diesen Kampf um Macht und Geld erleben – denn das ist schlussendlich, worum es beim Kampf um die Königswürde geht: Geld. Richard III. ist eine wahnsinnig gierige Figur in dem Stück, es hat mich fasziniert, wie diese einfachen Leute in diesen Machtkampf hineingezogen werden.

VORmagazin: Reizen dich einfache Figuren mehr?

Michael Niavarani: Bei Shakespeare im Original sind die spannenderen Figuren natürlich die kämpfenden Adeligen und es wäre natürlich auch reizvoll, eine dieser Figuren zu spielen. Aber ich hab das Ganze ja umgedreht und die einfachen Figuren zu den Hauptcharakteren gemacht. Bei Shakespeare geht es nicht um reiche Leute und deren Reichen-Probleme, sondern um Menschen und menschliche Probleme. Ein Mann, der einen anderen und dessen Sohn umbringt und dann Frau und Mutter derer heiratet, weil er eine Königin braucht; wie die Frau darauf reagiert, dass sie nun mit diesem Mörder verheiratet ist … Es sind ja die extremen zwischenmenschlichen Probleme, die da die Hauptrolle spielen.

VORmagazin: Ihr habt alles selbst produziert. Warum habt ihr eigentlich nicht um Subventionen oder Förderungen angesucht?

Michael Niavarani: Weil wir Vertrauen ins Leben haben und auch nichts dagegen hätten, wenn wir zwei, drei Jahre im Gefängnis sitzen. Dann kann man wenigstens alle Bücher lesen, die man lesen möcht (lacht).

VORmagazin: Shakespeare wurde immer wieder vorgeworfen, dass man nicht Theaterdirektor und Autor sein kann. Kannst du was mit dem Vorwurf anfangen, man könne nicht Geschäftsmann und Kreativer gleichzeitig sein?

Michael Niavarani: Nein, es geht sich sehr gut aus. Es hat immer wieder Menschen gegeben, die geschrieben, gespielt und auch das Theater geführt haben. Johann Nestroy, Molière, Shakespeare … Im Englischen gibt es sogar ein Wort dafür: „Manager-Actor“.

VORmagazin: Belasten diese doppelten Aufgaben?

Michael Niavarani: Das Lustige ist, dass es mich eher entspannt. Nachdem ich schon so lang auf der Bühne stehe ist es viel spannender in einer Besprechung zu sitzen und eine Kalkulation anzuschauen. Das macht mir mehr Spaß, als meinen Text zu lernen.

VORmagazin: Das Charakteristische bei Shakespeare ist die Vielfalt der Sprache: Von der tiefsten Gossensprache bis zur steifsten Hofsprache beherrscht er alles gleichermaßen. Ist das etwas, was man auch auf dich übersetzen könnte?

Michael Niavarani: Das stimmt, das Tolle an Shakespeare ist, dass er sowohl die Proleten geschrieben hat als auch die Adeligen. Das mach ich ja in meinen Programmen im Grunde auch, ich sprech Hochdeutsch, und manchmal ganz normal Wienerisch. Er hat das eben auf mehrere Figuren aufgeteilt. Ich glaub das liegt daran, dass er sehr, sehr begabt war. Er hat die Menschen ganz genau beobachtet – und es gibt kaum Figuren, die du nicht verstehst. Er war eigentlich der erste Psychologe.

VORmagazin: Du hast in einem Interview gesagt, Shakespeare war ordinärer als du …

Michael Niavarani: War er auch. Bei Shakespeare werden im englischen Original Ausdrücke in den Mund genommen, die  würde ich nicht einmal in die Hand nehmen (lacht). In Romeo und Julia zum Beispiel erzählt Romeo seinen Freunden, wie sehr er Julia liebt, verschwindet dann, seine Freunde wundern sich, wo er ist, und einer meint schließlich, er wird schon bei ihr liegen. Und im Original heißt es: „O, that she were. An open arse, and thou a poperin pear.“ „Open Arse“ heißt „o ener Arsch“ und „poperin pear“ war eine längliche Birnenart, die an der Spitze stark geschwollen war – also sehr eindeutige und sehr ordinäre Anspielungen. „Open Arse“ hat man auch eine Frucht genannt, die wie das weibliche Geschlechtsteil aussieht.

VORmagazin: Du machst aus einer Tragödie eine Komödie. Warum spielst du nicht mal etwas ganz Ernstes?

Michael Niavarani: Weil es nichts ganz Ernstes gibt. Das ist ein Irrtum des deutschen Dramas, dass eine Tragödie ohne eine Komödie auskommen kann; sowie es ein Irrtum des deutschen Lustspieles ist, dass eine Komödie ohne eine Tragödie auskommen kann. Es gibt keine Komödie von Shakespeare, in der es nicht eigentlich um etwas ganz Ernstes geht, und es gibt kaum eine Tragödie, wo nicht zwei, drei lustige Szenen drin vorkommen. Richard III., als Beispiel, hat im Original Pointen: Er lässt jemanden köpfen, dann wird ihm der Kopf von jenen gebracht und das Erste, was er sagte, war: „Oh nein, ich liebte ihn so sehr!“ Ein Riesenlacher, weil das Publikum weiß ja, dass das gar nicht wahr ist. Das Stück hat teilweise sehr zynische Pointen. Es gibt nicht Tragödie UND Komödie, es existiert immer beides miteinander. Im Original ist Richard III. zu 80 % Tragödie und zu 20 % Komödie – und ich hab den Anteil umgekehrt.

VORmagazin: Worüber würdest du mit Shakespeare reden?

Michael Niavarani: Ich glaube, Shakespeare und ich würden in erster Linie übers Geld reden. Wie viele Leute zu Vorstellungen kommen würden, wie viel das einbringt und wie viele Häuser man sich darum kaufen könnte. Und dann, nach fünf Stunden, wo wir uns das mit der Steuererklärung erklärt haben, kurz fragen: „Hast du das neue Stück …“ „Joa, da lieben sich zwei, aber das sind so Familien … aber lustig!“ „Ah passt.“

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