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Donnerstag, Dezember 1, 2022

Moderne Leseratten

Ich behaupte, das alles ist nicht wirklich schwierig. Schwierig ist es, das Kind zu erziehen, den Baum regelmäßig zu gießen und das geschriebene Buch auch zu verkaufen. Ein Verlagsleiter meinte letzte Woche in einem Interview, dass Bücher, in denen nur Buchstaben stehen, bald völlig aus der Mode kommen werden und Romane von der Jugend bald nur noch gelesen werden, falls das Internet ausfällt. Der Trend geht hin zum interaktiven E-Book. Dieses wird in Zukunft zur Lesepassage passende Hintergrundmusik abspielen und gleichzeitig adäquate Gerüche versprühen. Damit Kinder sogar den Geschmack des im Roman beschriebenen Abendessens nachempfinden können, wird bereits das abschleckbare E-Book entwickelt. Die moderne Technik kann jedoch auch für Verwirrung sorgen. Vor Kurzem ging ein Bekannter von mir mit seinem zweijährigen Sohn in den Streichelzoo. Vor ihnen stand ein Schaf. Der Sohn streckte nach einer Minute seine Hand aus und begann zu wischen. Danach weinte er. Der Vater stand zuerst vor einem Rätsel. Doch plötzlich wurde ihm klar, dass der Sohn zu Hause immer wieder sein iPad benutzen darf. Und wenn er dort beim Tierbilderbuch wischt, verwandelt sich das gezeigte Schaf sofort in eine Giraffe und dann bei einem weiteren Wischen in einen Kakadu. Das vor dem Sohn im Streichelzoo stehende Schaf tat dies jedoch nicht. Es erwies sich auch nach mehr­maligem Wischen als wandlungsresistent. Diese Tatsache brachte den Sohn zur Verzweiflung. Er plärrte seinen Vater mit folgendem Satz an: Schaf kaputt, braucht Update. Vielleicht wird in ferner Zukunft ein Verlagsleiter erkennen, dass dies doch eigentlich alles viel zu kompliziert ist und bei einer Vorstandssitzung sagen: Ich habe eine völlig neue Idee – wir brauchen Bücher, in denen nur Buchstaben stehen.

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