Visionen in Bewegung: Ein Abend zwischen Tradition und Aufbruch

Beitragsbild: © Ashley Taylor

Mit „Visionary Dances“ setzt das Wiener Staatsballett in der Wiener Staatsoper ein programmatisches Zeichen.

Der Abend versteht sich nicht als bloße Werkschau dreier prominenter Choreograf*innen, sondern als ästhetische Standortbestimmung des Balletts zwischen Tradition, Öffnung und Zukunftsdrang. Dass dabei mit Justin Peck, Wayne McGregor und Twyla Tharp drei sehr unterschiedliche Handschriften aufeinandertreffen, erweist sich als dramaturgischer Glücksgriff – auch wenn der Abend nicht durchgehend die gleiche künstlerische Intensität erreicht.

Den Auftakt bildet Pecks „Heatscape“, ein Werk, das bereits durch seine visuelle Gestaltung Aufmerksamkeit bindet. Die Zusammenarbeit mit dem Street-Art-Künstler Shepard Fairey verleiht der Bühne eine pulsierende, urbane Energie, die sich deutlich von klassischer Ballettästhetik absetzt. Peck gelingt es, diese Bildwelt nicht bloß dekorativ einzusetzen, sondern in Bewegung zu übersetzen: Die TänzerInnen reagieren auf die Farbflächen, Linien und Kontraste, als wären sie Teil eines lebendigen Graffitis.

Choreografisch bewegt sich „Heatscape“ zwischen neoklassischer Präzision und lässiger, fast beiläufig wirkender Körperlichkeit. Zur Musik von Bohuslav Martinů entfaltet sich ein fein gesponnenes Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen – mal kühl distanziert, mal impulsiv und aufgeladen. Besonders überzeugend sind die Ensemblepassagen, in denen Peck ein Gefühl von Gemeinschaft evoziert, ohne Individualität zu opfern. Dennoch bleibt das Werk in seiner emotionalen Tiefe stellenweise an der Oberfläche: Die angedeuteten „Temperaturen“ menschlicher Beziehungen werden eher illustriert als wirklich durchdrungen.

Einen radikalen Kontrast dazu setzt „Yugen“ von Wayne McGregor, das 2018 für das Royal Ballet und das Het Nationale Ballet Amsterdam enstand. Schon der Titel verweist auf ein ästhetisches Konzept aus der japanischen Philosophie, das sich jeder eindeutigen Definition entzieht. McGregor übersetzt diese Idee in eine choreografische Sprache, die von extremer Körperlichkeit und struktureller Klarheit geprägt ist. Die elf TänzerInnen erscheinen wie Bestandteile eines sich ständig wandelnden Organismus – fließend, fragmentiert, wieder zusammenfindend.

Die Musik der „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein bildet dabei ein emotionales Fundament, das McGregor bewusst nicht illustriert, sondern konterkariert. Die sakrale Klangwelt trifft auf eine kühl-abstrakte Bewegungssprache, die sich jeder sentimentalen Lesart verweigert. Besonders eindrucksvoll ist das Zusammenspiel mit dem Bühnenbild von Edmund de Waal: Die reduzierte, fast asketische Ästhetik schafft einen Raum, in dem jede Bewegung Bedeutung gewinnt.

Allerdings fordert „Yugen“ dem Publikum einiges ab. Die permanente Spannung, die aus der Kombination von musikalischer Emotionalität und choreografischer Distanz entsteht, kann ermüdend wirken. Gleichzeitig liegt genau darin die Stärke des Stücks: Es zwingt zur aktiven Wahrnehmung und verweigert einfache Zugänge. In der Gesamtwirkung ist „Yugen“ der intellektuell anspruchsvollste Teil des Abends – und vielleicht auch der nachhaltigste. Die Tanzfragmente werden vom Schönberg-Chor und dem Orchester der Wiener Staatsoper (Leitung: Gavin Sutherland) begleitet. Beeindruckend glockenhell sticht daraus die Knabenstimme von Dominik Baumgartner heraus, einem Mitglied der Opernschule der Wiener Staatsoper.

Mit „In the Upper Room“ von Twyla Tharp erreicht der Abend schließlich seinen energetischen Höhepunkt. Dass dieses Werk auch vierzig Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner Wirkung verloren hat, liegt vor allem an seiner kompromisslosen Dynamik. Zur minimalistischen Musik von Philip Glass entfaltet sich ein choreografischer Sog, der das Publikum unmittelbar erfasst.

Tharp gelingt hier eine Synthese, die bis heute erstaunlich frisch wirkt: Spitzenschuh und Sneaker, klassische Linien und athletische Bewegungen verschmelzen zu einer eigenen, unverwechselbaren Sprache. Die TänzerInnen des Wiener Staatsballetts zeigen sich dabei in Höchstform – technisch präzise, physisch präsent und mit einer spürbaren Lust an der Bewegung. Besonders die Wechsel zwischen strukturierten Gruppenbildern und eruptiven Soli erzeugen eine Spannung, die sich bis zum Schluss steigert.

Im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Stücken wirkt „In the Upper Room“ unmittelbarer, zugänglicher – aber keineswegs weniger komplex. Tharp verzichtet auf konzeptuelle Überfrachtung und vertraut ganz auf die Kraft der Bewegung. Gerade dadurch entsteht eine emotionale Direktheit, die den Abend überzeugend abschließt.

Insgesamt präsentiert „Visionary Dances“ einen facettenreichen Einblick in die Entwicklung des zeitgenössischen Balletts. Während Peck den Dialog zwischen Klassik und Popkultur sucht, McGregor die Grenzen des Mediums auslotet und Tharp eine zeitlose Synthese schafft, zeigt sich das Wiener Staatsballett als vielseitige und leistungsstarke Compagnie – hochambitioniert und artistisch gefordert. Nicht alle Teile des Abends sind gleich überzeugend, doch gerade in ihrer Unterschiedlichkeit entfalten sie eine produktive Spannung. Der Abend ist eine gelungene Mischung aus hochambitioniertem Ballett, Popkultur und US-geprägtem Tanz.

 „Visionary Dances“ bleibt als ein bewusst gesetztes Nebeneinander künstlerischer Positionen in Erinnerung – ein Panorama dessen, was Ballett heute sein kann: urban, intellektuell, physisch und vor allem lebendig.

INFO:
www.wienerstaatsoper.at

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