Wenn KI mitarbeitet: Was bleibt dann für uns?

Beitragsbild: © Elisabeth Lechner

Texte in Sekunden, Bilder auf Knopfdruck und Videos ohne klassisches Set: Künstliche Intelligenz verändert gerade, wie kreative Arbeit entsteht. Beim Café Creativ im Wiener Café Frauenhuber sprach Maria Baumgartner darüber, warum das nicht das Ende der Kreativität bedeutet – aber ziemlich sicher das Ende mancher Gewohnheiten.

Ein paar Brötchen, Getränke, ein Wiener Kaffeehaus und eine Frage, die deutlich größer ist als der Raum, in dem sie diskutiert wird: Wie werden wir in Zukunft eigentlich arbeiten? Beim Café Creativ im traditionsreichen Café Frauenhuber ging es diesmal um „Fair Work“ und damit zwangsläufig auch um Künstliche Intelligenz. Maria Baumgartner, Geschäftsführerin von Speedinvest Heroes und seit Jahren in der Startup-Welt zu Hause, zeichnete dabei kein dystopisches Bild einer Arbeitswelt ohne Menschen. Sie machte aber deutlich: So weiterarbeiten wie bisher werden wir vermutlich auch nicht.

Wenn ein Arbeitstag plötzlich nur noch 10 Minuten dauert

KI verändert nicht nur, welche Aufgaben automatisiert werden. Sie verändert vor allem die Geschwindigkeit, mit der Arbeit erledigt werden kann. Texte, Präsentationen, Varianten, Bilder oder administrative Tätigkeiten, die früher Stunden beanspruchten, entstehen teilweise innerhalb weniger Minuten. Baumgartners zentrale Beobachtung: Produktivität beginnt sich von menschlicher Arbeitsleistung zu entkoppeln. Gerade die Kreativbranche bekommt das früh zu spüren. Wo früher mehrere Personen texteten, gestalteten, adaptierten und produzierten, kann KI heute in kürzester Zeit eine Vielzahl an Vorschlägen liefern. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Mensch aus dem kreativen Prozess verschwindet. Seine Rolle verändert sich.

„Es geht weniger ums Produzieren und mehr ums Kuratieren.“

– Maria Baumgartner

Vielleicht ist das der entscheidende Satz des Abends. Denn wenn plötzlich jede und jeder 20 Entwürfe generieren kann, wird nicht das Erstellen zur wichtigsten Fähigkeit, sondern das Erkennen: Was davon ist wirklich gut? Was passt zur Marke? Was berührt Menschen? Und was kann weg?

Wer bringt Kreativen künftig das Handwerk bei?

So praktisch diese neue Effizienz klingt, sie bringt ein Problem mit sich. Ausgerechnet jene Aufgaben, mit denen junge Menschen bisher in einen Beruf hineingewachsen sind, lassen sich besonders leicht automatisieren. Junior-Texter:innen schreiben erste Varianten, junge Grafiker:innen setzen Adaptionen um, Berufseinsteiger:innen bauen Präsentationen oder recherchieren. Genau hier übernimmt KI zunehmend Arbeit. Baumgartner formulierte deshalb eine Frage, die weit über die Werbebranche hinausgeht: Wenn Junior-Jobs verschwinden, wo lernt die nächste Generation dann ihr Handwerk? Unternehmen werden neue Antworten darauf finden müssen. Denn kuratieren kann nur, wer Qualität erkennt. Und Qualität erkennt wiederum leichter, wer gelernt hat, wie gute Arbeit überhaupt entsteht.

Kreativität wird nicht weniger menschlich

Interessanterweise könnten ausgerechnet sehr menschliche Fähigkeiten im KI-Zeitalter wertvoller werden. Baumgartner spricht von analytischem und kreativem Denken, Neugier, Flexibilität, Resilienz und lebenslangem Lernen. Neben Daten-, Tech- und Cybersecurity-Kompetenzen sieht sie deshalb auch Geisteswissenschaften als wichtigen Bestandteil einer technologischen Zukunft. Denn Maschinen können produzieren. Die schwierigeren Fragen bleiben: Was wollen wir erzählen? Welche Bilder wollen wir in die Welt setzen? Welche gesellschaftlichen Normen reproduzieren wir damit? Und welche eben nicht? Gerade die Kreativwirtschaft hat hier Einfluss. Sie entscheidet mit, welche Geschichten sichtbar werden, welche Rollenbilder entstehen und wohin Aufmerksamkeit gelenkt wird.

Neues Geschäftsfeld für Agenturen

Baumgartner sieht in der Entwicklung deshalb nicht nur eine Bedrohung für Agenturen, sondern eine ziemlich konkrete Chance. Unternehmen investieren massiv in KI, gleichzeitig fehlt vielerorts noch das Wissen, wie sie tatsächlich sinnvoll eingesetzt werden kann. Wie integriert man KI in Arbeitsabläufe? Welche Regeln braucht es? Wie nimmt man Mitarbeiter:innen mit? Was sollte automatisiert werden – und was bewusst nicht? Für Agenturen könnte genau hier eine neue Rolle entstehen: vom reinen Produzenten zum strategischen KI-Berater. Kommunikation, Technologie und Unternehmenskultur wachsen dabei stärker zusammen.

Baumgartners Appell an die Branche: nicht warten, bis Kund:innen diese Kompetenz anderswo einkaufen, sondern sie selbst aufbauen.

Wem gehört die Ernte?

Die vielleicht grundsätzlichste Frage des Abends hatte allerdings weniger mit Technologie als mit Verteilung zu tun. Baumgartner verwendete dafür das Bild eines Gartens: Wenn KI für enorme Produktivitätssteigerungen sorgt, wer darf am Ende ernten?

Derzeit fließt ein großer Teil der neu entstehenden Wertschöpfung zu Plattformen und Kapital. Für Baumgartner gehört deshalb zur Debatte über „Fair Work“ auch die Frage, wie Mitarbeiter:innen stärker von Produktivitätsgewinnen profitieren können – über Beteiligung, Weiterbildung, Arbeitszeit oder andere Modelle. Und der Blick muss noch weiter reichen. Hinter KI stehen Rechenzentren, Energie, Wasser, Rohstoffe und Menschen, die Daten aufbereiten und Systeme trainieren. Gleichzeitig basiert vieles, was generative KI heute hervorbringt, auf menschlicher Vorarbeit – nicht zuletzt jener von Kreativen, Autor:innen, Fotograf:innen und Designer:innen.

Mitgestalten statt zuschauen

Angst vor KI hält Baumgartner dennoch für die falsche Reaktion. Viel wichtiger sei es, die Technologie selbst zu verstehen und auszuprobieren. Unternehmen sollten Mitarbeiter:innen weiterbilden und in die Einführung neuer Systeme einbeziehen. Denn wer nicht mitgestaltet, überlässt die Gestaltung anderen. „Faire Arbeit entsteht nie von alleine. Wir müssen sie gemeinsam gestalten“, fasste Baumgartner zusammen.

Vielleicht ist das auch die angenehm undramatische Erkenntnis dieses Abends im Café Frauenhuber: KI wird bleiben. Die spannendere Frage ist also längst nicht mehr, ob wir mit ihr arbeiten werden – sondern wie.

Im November geht es um Frauen und Karriere

Beim nächsten Café Creativ wird der „Fair Work“-Schwerpunkt aus einer anderen Perspektive weitergedacht. Am 9. November 2026 ist Barbara Blaha im Café Frauenhuber zu Gast. Unter dem Titel „Sichtbarkeit reicht nicht: Was Frauen für Aufstieg in der Wirtschaft brauchen“ geht es um faire Chancen, Netzwerke, Vereinbarkeit und die Bedingungen, die Frauen tatsächlich den Weg in Führungspositionen ermöglichen. Diskutiert wird, was Unternehmen und Politik verändern können, damit Karriere nicht allein davon abhängt, wer sich am besten sichtbar macht – sondern Talente auch die Strukturen vorfinden, in denen sie sich entwickeln können.

INFO:
Café Creativ mit Barbara Blaha
9. November 2026, 18 bis 21 Uhr
Café Frauenhuber, Himmelpfortengasse, 1010 Wien

Carla Hoffmann
Carla Hoffmann
Redakteurin Vormagazin

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