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Dienstag, April 16, 2024

Wie Gewalt entsteht – „Zitronen“ bei „Rund um die Burg“

Wie Gewalt entsteht – Valerie Fritschs Roman „Zitronen“ wird auch bei „Rund um die Burg“ gelesen.

August wächst am Land auf und muss eine Jugend erleben, die von Gewalt und Fürsorge sozusagen in die Mangeln genommen scheint. Erst ist der bald arbeitslose Vater das Problem, der versucht durch Käufe und Verkäufe auf Flohmärkten Geld zu verdienen und das Haus in eine Rumpelkammer verwandelt. Besonders wenn er trinkt, schlägt er meist grundlos August und spart seine Liebe nur für seine Hunde auf. Augusts Mutter lebt in ihrer eigenen Welt und kümmert sich kaum um den Haushalt, nachdem sie nicht mehr als Krankenpflegerin arbeitet. Als der Vater plötzlich verschwindet, kann August endlich einen unbeschwerten Sommer mit den Nachbarskindern erleben. Doch die Freude hält nur kurz – August bekommt eine Sommergrippe und liegt im Bett. Seine Mutter blüht plötzlich auf, denn endlich kann sie ihren Sohn umsorgen und in der Dorfgemeinschaft als Mutter punkten.

Als August wieder zu gesunden ansetzt, hilft sie mit Tabletten nach, um ihn krank zu halten. Sie schafft es sogar lange ihren neuen Partner – ausgerechnet den dicken Gemeindearzt – zu täuschen. Zwischendurch füttert sie ihm Zündholzköpfe als Stärkungsmittel. Nur im Urlaub, in Italien, bekommt August wieder Kraft, denn der Mutter sind die Tabletten abhandengekommen. Dort sieht er auch – ganz verklärt – Zitronen an den Bäumen wachsen. Die endgültige Befreiung gelingt August erst im Unglück. Vom Blitz getroffen kommt er ins Krankenhaus und sein neuer Stiefvater ermöglicht ihm danach einen Neustart in der Stadt. Als Kellner verliebt er sich in eine Künstlerin, was nur so lange gutgeht, bis diese seine völlig gestörte Psyche anhand seiner krankhaften Eifersucht erkennt.

In „Zitronen“ schildert die in Graz geborene Schriftstellerin Valerie Fritsch wie ein Mensch durch eine schwer belastete Kindheit selbst zum Täter wird. Das Phänomen Angehörige künstlich krank zu halten ist inzwischen auch medizinisch diagnostiziert und wird Münchhausen-Stellvertretersyndrom genannt. Über Fälle von Gewalt an Kindern oder Frauen liest man sowieso nur allzu oft in den Zeitungen. Fritsch hat auch unter Tätern recherchiert. Im Buch lauscht August – bevor er selbst zum Täter wird – einem Mörder, der von der Teilnahmslosigkeit und Schulduneinsichtigkeit seiner „Kollegen“ erzählt. Das Ende des Romans sei aber hier nicht verraten.

Valerie Fritsch wird ihr Buch auch bei „Rund um die Burg“ (10./11. Mai) vorstellen.


Valerie Fritsch: Zitronen
Suhrkamp
188 Seiten
€ 24,70

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