Wien baut sich ein Wiener Neustadt Ludwig Schedl

Wien baut sich ein Wiener Neustadt

Unendliche Weiten am nordöstlichen Stadtrand: Irgendwo kommt die U-Bahn daher. Scheinbar aus dem „Nichts“. VORmagazin-Chefredakteur Thomas Landgraf besuchte mit SPÖ-Klubchef Rudi Schicker die größte Baustelle Europas – ein Projekt, das Schicker als ehemaliger Planungsstadtrat geplant hat. Auf 240 Hektar entsteht Wiens neue City.

VORmagazin: Wie viele Menschen werden in der Seestadt wohnen?

Rudi Schicker: Insgesamt – wenn alles fertiggestellt ist – wird das eine Stadt wie Wiener Neustadt. 37.000 Menschen sollen hier wohnen und arbeiten.

VORmagazin: Warum baut Wien eigentlich eine Stadt in die grüne Wiese?

Schicker: In meiner Zeit als Planungsstadtrat hätte der Siedlungsteppich der umliegenden Dörfer begonnen, in die Fläche des damaligen Flugfeldes hineinzuwachsen. Das hat mir überhaupt nicht gefallen, weil ich gewusst habe, dass Wien wächst und wir neben dem Zentrum Kagran in der Donaustadt ein zusätzliches großes Zentrum brauchen. Hier draußen mussten wir das so organisieren, dass etwas entsteht, um die umliegenden Dörfer wie Aspern und Essling und die Invalidensiedlung zu verbinden. Das heißt: Hier wird eine Stadt gebaut, und keine ländlichen Siedlungsflächen.

VORmagazin: Haben Sie nicht die Befürchtung, dass aus der Seestadt eine riesengroße „Bettenstadt“ am Rande Wiens wird?

Schicker: Also erstens ist die U-Bahn ja schon da. Das wollte die Stadt auch so. Die U2 wurde ja schon im ursprünglichen Plan bis zum Donauspital verlängert und für die Wiener Linien war es dann auch günstiger, gleich weiterzubauen, als zu warten. Und es sollte eben kein „Siedlungsbrei“ entstehen, sondern höher gebaut und auch zentrale städtische Punkte – wie etwa der zentrale See – geschaffen werden. Die Seestadt sollte auch eine Geschäftsstraße bekommen. Es werden sich Betriebe ansiedeln, die aber die umliegenden Siedlungen nicht berühren werden. Darum gibt es rundherum im Norden, Süden, Osten und Westen breite Grünstreifen, die die Seestadt abgrenzen. Dort wird es dann auch Sporteinrichtungen geben. Die höherrangige Erschließung für den Individualverkehr erfolgt ab 2019 über die Stadtstraße und die S1.

VORmagazin: Bei anderen Stadtteil-Projekten, wie dem Kabelwerk, ist es nicht wirklich gelungen, viele Geschäfte anzuziehen, die aber unabdingbar für eine städtische Struktur sind. Was macht die Stadt jetzt beim Projekt Seestadt anders?

Schicker: Wir haben uns vor Beginn der Planung sehr viele internationale Beispiele angesehen: in Holland, wie sie einen Flughafen für den Wohnbau freimachen, in Stockholm und Hamburg, wie dort die Hafenareale neu bebaut werden, und auch Barcelona. Ein Vorbild war auch die brasilianische Hauptstadt Brasília, die von Oscar Niemeyer komplett auf dem „Reißbrett“ entworfen wurde. Eine wichtige Erkenntnis ist zum Beispiel, dass die Erdgeschoßzonen höher als die anderen Geschoße sein müssen, um Geschäfte und Gastronomie anzuziehen. Das ist zum Beispiel anders als beim Kabelwerk und ermöglicht „städtisches“ Leben.

VORmagazin: Wien wächst rasant. Die Seestadt deckt beim derzeitigen Zuzug lediglich einen Zwei-Jahres-Bedarf an Wohnungen. Wie geht es danach weiter?

Schicker: Bis 2025 reichen auch beim derzeitigen Wachstum die Flächen aus. Die Stadt baut ja zum Beispiel schon am Hauptbahnhof-Areal. Nordbahnhof 2, In der Wiesen Ost-Süd, die „Ziesel-Gründe“, der Nordwest-Bahnhof, die Kasernenareale im 14. Bezirk und – idealerweise – auch das Heeresspital kommen dazu. Auch im innerstädtischen Bereich können noch Lücken geschlossen werden. Ab 2025 muss man dann schauen, was frei wird. Auf jeden Fall soll gewährleistet bleiben, dass Wien eine Stadt mit viel Grünraum bleibt. Das Projekt „Wienerwald Nord-Ost“ zeigt ja auch, dass nicht alles bebaut werden soll, sondern auch hier in der Donaustadt hochwertige Erholungsbereiche erhalten und auch neu geschaffen werden.