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Montag, Juli 4, 2022

Wiens U-Bahn-Moderator

Niko Panzera ist Wiens „U-Bahn-Moderator“. Bei Großevents sorgt er dafür, dass die wartenden Fahrgäste nicht merken, dass der Mann, der sie die U-Bahn mit der Welle begrüßen lässt und sie mit – scheinbaren – Blödeleien bei Laune hält, in Wirklichkeit einen knochenharten Job erledigt.

Manchmal steigt Niko Panzera auf die Bremse. „Wenn die Leute zu lustig werden, schalte ich einen Gang zurück.“ Schließlich müsse eines klar sein: „An erster Stelle steht die Sicherheit. Dann kommt die Effzienz des Betriebs.“ Und erst dann die Show. „Aber wenn die Fahrgäste diese zwei Punkte nicht spüren, sondern Spaß haben, habe ich den Job gut gemacht.“

Obwohl es „den Job“ offiziell nicht gibt. Weder im Personalbüro noch in Telefonverzeichnissen oder der Verrechnungsabteilung der Wiener Linien existiert ein „U-Bahn-Moderator“. Und Panzeras echter Arbeitstitel lautet auch anders. „Interimistischer Referatsleiter des Betreuungsreferates 14“ nämlich. „Auf Deutsch: Ich koordiniere den Betrieb von U1 und U4.“ Trotzdem ist Panzera Wiens U-Bahn-Moderator.

Nur um keine falschen Erwartungen zu wecken: Die Wiener Linien planen nicht, demnächst auf allen Bahnsteigen Animateure zur Bespaßung der Wartenden einzusetzen. Aber es gibt Situationen, in denen genau das sinnvoll ist: Wenn bei Großveranstaltungen Menschenmassen in die U-Bahn-Stationen schwappen, muss man diesen „Schwarm“ dirigieren. Zahllose Mitarbeiter in den gelben Jacken der Wiener Linien leiten, lenken, beraten, koordinieren, steuern, navigieren und bugsieren nach bei Rockkonzerten, Fußballspielen oder Donauinselfest die „Herde“ der Fahrgäste. Dass da auch einer (oder eine) mit Mikrofon und Lautsprecheranlage dabei ist, ist eigentlich logisch.

Ebenso, dass in Wien der Schmäh rennt. Es war beim Donauinselfest 2013. Panzera war einer der Leute in Gelb. Ohne Mikro. Weit hinten. Doch statt „Weitergehen!“ warf er Charme- Bomben: „Vorne wartet schon meine blonde Kollegin auf Sie. Die verrät Ihnen, wie es weitergeht.“ Die Leute lachten. Und als der Kollege, der als „Bahnsteigsprecher“ die Züge „füllte“, in einer Wartephase über Mikro und Handy den Bahnsteig beschallte, wusste Panzera, was er tun würde, sobald er den Kollegen – der nach über zwei Stunden Nonstop-Reden heiser war – ablösen durfte: „Damals war ,Gangnam Style‘ Hit. Ich hab das Handy ans Mikro gehalten – und gesagt: ,Ich will euch alle den Bahnsteig im Gangnam Style hinauftanzen sehen!‘“

Die Masse jubelte – und tat, was der 29-Jährige anordnete. „Ich hab sie die Welle üben lassen – um die U-Bahn zu begrüßen.“ Das Geblödel macht aber auch „betrieblich“ Sinn: „Wenn wir die Leute spielerisch dazu bringen, zu tun, was einen sicheren und schnellen Betrieb ermöglicht, ist das für alle super.“

Die Fahrgäste spüren, dass Panzera Spaß daran hat, den Fahrer des „Veilchenexpress“ (bei Austria-Spielen) als „zwar nur unsern zweitbesten Fahrer“ anzukündigen, aber doch anzumerken, „dass er auf dieser Strecke ungeschlagen ist“. Und vergessen darüber – ganz unwienerisch – aufs Grantigsein: „Jeder weiß, dass wir nicht alle zugleich heimbeamen können. Trotzdem sind wir in dem Augenblick die, die sie zum Warten zwingen. Und Warten nervt. Aber wer schmunzelt, kann nicht gleichzeitig grantig sein. Und so nehmen die Fahrgäste uns positiv wahr.“

Panzera hat längst ein großes Repertoire an Schmähs. Er könnte jedem Prater-Hutschenschleuderer das Wasser reichen mit seinem „Liebe Leute, hier kommt er schon: unser nächster Zug! Aber ich verrate euch was: Eine U-Bahn ist kein Adventkalender. Ihr dürft heute alle Türchen gleichzeitig aufmachen!“ Wobei der Schmähbruder zwei Dinge betont. Erstens: „Den Adventkalender-Sager hat Raimund Korner, ein legendärer Fahrer auf der U4, erfunden.“ Und: „Man muss sich an die Situation anpassen. Der Adventkalender passt nicht aufs Donauinselfest. Und bei Austria- Spielen fährt kein grün-weißer Sonderzug.“

Fußball, weiß Panzera, „ist sensibel: Ich lasse die Leute manchmal singen – aber nie Fangesänge. Sowas kriegt rasch eine unkontrollierbare Eigendynamik.“ Und wenn jemand die Mama grüßen will? „Die meisten kriegen kein Wort raus, wenn du ihnen das Mikro hinhältst.“ Geburtstagskindern wird aber gratuliert. Und wenn ein Fahrgast für ein Lokal oder sein Lieblingsbier wirbt, fängt Panzera das ab: „Auf diesem Bahnsteig befinden sich Produktplatzierungen.“ Das Risiko, selbst den Betrieb aufzuhalten, schätzt der 29-Jährige gering ein: „Die Leute wollen nach Hause. Ich fülle nur die Pause.“ Einmal, räumt er aber ein, „hat mich einer eine Stunde lang mit dem Handy gefilmt. Er war ziemlich betrunken.“

Bei allem Spaß dürfe er aber nie das Ziel aus den Augen verlieren: „Der Zug soll rasch voll werden. Das reduziert die Wartezeiten. Und die Lage ist rascher entspannt.“ 40.000 Robbie-Williams-Fans, die gleichzeitig aus dem Happel- Stadion strömen, sollen von der extremen Herausforderung an die Transportlogistik nur eines sehen: das lachende Gesicht des U-Bahn-Moderators.

Panzera selbst weiß, wie viel Arbeit seine Kollegen und Kolleginnen im Hintergrund leisten, damit dieses Kunststück gelingt. Schließlich ist der Job am Mikro nur der Zuckerguss auf seiner „echten“ Arbeit: Der 29-jährige Wiener ist einer der Universalisten bei den Wiener Linien: Er begann als Busfahrer, machte daneben den Bachelor in „Eisenbahn- Infrastrukturtechnik“, lernte U-Bahn-Fahren („Ich muss ja wissen, was ich von meinen Mitarbeitern verlange“), arbeitet gerade berufsbegleitend an seiner „Master“-Arbeit – und wird derzeit auch noch zum Straßenbahnfahrer ausgebildet. Nur eine Ausbildung wurde bisher nicht vom Arbeitgeber gefördert: das Moderieren. „Ich glaube, das kann man – oder man kann es nicht. Ich habe noch nie Schwierigkeiten gehabt, mit Leuten zu reden. Auf den Mund gefallen war ich noch nie.“

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