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Mittwoch, Januar 28, 2026

Die leise Wucht der Erinnerung

Beitragsbild: © Theater in der Josefstadt

Mit Ein deutsches Leben gelingt dem Theater in der Josefstadt ein stiller, aber nachhaltiger Theaterabend, der gerade durch seine Zurückhaltung große Wirkung entfaltet. Sie lesen eine Kulturkritik von Dr. Ursula Scheidl.

Da sitzt eine alte Dame mit vollem weißem Haar in einem Lehnsessel und erzählt über ihr Leben – ohne Schnickschnack oder Sentimentalität. Als Sekretärin von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels hat Brunhilde Pomsel in der „Zentrale des Bösen“ gearbeitet. Von Verbrechen will sie aber nichts gewusst haben. „Ist es denn schlecht, ist es denn Egoismus, wenn der Mensch versucht, auf dem Platz, auf den er gestellt wurde, etwas zu tun, was für ihn gut ist?“, fragt sie. 

Pomsel, die 2017 mit 106 Jahren starb, stand mit 103 im Dokumentarfilm „Ein deutsches Leben“ vor der Kamera und erzählt darin Anekdoten, und Erinnerungen über ihr außergewöhnliches und dabei so durchschnittliches Leben. Als Hitler an die Macht kam, arbeitete Pomsel bei dem jüdischen Rechtsanwalt Hugo Goldberg. Sie hatte eine jüdische Freundin, Eva Löwenthal. „Immer wenn sie über Eva spricht, fällt ihr das Reden am schwersten“, meint der Oscar-gekrönte Autor Christopher Hampton. Von Goebbels schwärmt Pomsel bis zuletzt. „Ein gutaussehender Mann, ungemein gepflegt, dolle Anzüge, immer leicht gebräunt. Weil er humpelte, tat er einem ein bisschen leid.“ Sie folgte Joseph Goebbels bei Kriegsende in den Luftschutzbunker des Ministeriums, war fünf Jahre in sowjetischen Lagern inhaftiert und setzte ihre Karriere bei der ARD fort. 

Mit Ein deutsches Leben bringt das Theater in der Josefstadt einen der eindrucksvollsten dokumentarischen Theatertexte der jüngeren Zeit auf die Bühne. Der britische Dramatiker Christopher Hampton hat die realen Interviews mit Brunhilde Pomsel in einen überzeugenden Monolog gegossen, der die Frage nach individueller Verantwortung und Kollektivschuld stellt. Andrea Breth hat ihn hervorragend für die Bühne realisiert. 

Andrea Breth, eine der prägendsten Regisseurinnen ihrer Generation, die mit zahlreichen Inszenierungen ein fixer Bestandteil des Burgtheaters war, liefert ein bemerkenswertes Debüt an der Josefstadt. Ihre Inszenierung fügt sich überzeugend in die Aufführungsgeschichte dieses dokumentarischen Monologs ein und setzt zugleich einen eigenständigen Akzent: weg vom reinen Zeitzeugenbericht, hin zu einer vielschichtigen Reflexion über Erinnerung, Verdrängung und persönliche Verantwortung.

Breths Regie vertraut dem Text – und sie vertraut der Stille. Doch diese Stille ist nie leer. Sie wird durch Musik strukturiert, kommentiert und emotional aufgeladen. Lieder und musikalische Fragmente aus der Zeit wirken nicht illustrativ, sondern entlarvend. Gerade die scheinbare Harmlosigkeit mancher Melodien – Schlager, vertraute Klänge, fast Nostalgisches – erzeugt einen schmerzhaften Kontrast zu dem historischen Kontext, in dem sie einst erklangen. Musik wird so zum zweiten Gedächtnis des Abends: Sie trägt Erinnerung, aber auch Verdrängung in sich. „Das Perverse ist, dass es parallel zur Judenverfolgung eine blühende Unterhaltungsmaschinerie von Goebbels gab. Wenn man die Texte auseinandernimmt, entdeckt man erst, was sie eigentlich mitteilen“, sagt Andrea Breth.

Im Zentrum steht die Hauptdarstellerin, die den Abend mit großer Konzentration und innerer Ruhe trägt. Die großartige 82-jährige Lore Stefanek zieht das Publikum vom ersten Moment an in ihren Bann. Ihre Darstellung verzichtet auf jede plakative Anklage. Stattdessen lässt sie Widersprüche stehen, spricht von Pflichterfüllung, Unwissen und Anpassung: „Ich war damals sehr äußerlich, dumm“ und: „Wir lebten alle in einem riesigen KZ“. Gerade dadurch entsteht eine beklemmende Nähe. Das Publikum wird nicht belehrt, sondern hineingezogen in eine Gedankenwelt, die erschreckend alltäglich wirkt. Stefaneks schauspielerische Leistung überzeugt durch Präzision, Altersweisheit und eine klare Sprachführung, die den Text atmen lässt.

Die Musik fungiert dabei als emotionaler Resonanzraum: Sie unterbricht, überlagert und kommentiert das Gesagte, ohne es je zu dominieren. In Andrea Breths Händen wird sie zum dramaturgischen Mittel, das Erinnerung nicht sentimentalisiert, sondern brüchig macht. Man hört nicht nur zu – man horcht auf. 

Ein deutsches Leben ist ein eindringlicher, kluger und musikalisch fein komponierter Theaterabend – kein Abend der lauten Effekte und kein klassisches „Historienstück“. Vielmehr handelt es sich um ein Theater der Haltung, das dem Publikum etwas zutraut. Die Verbindung aus präziser Regie, großer darstellerischer Leistung und bewusst eingesetzter Musik macht die Inszenierung zu einer eindrucksvollen Auseinandersetzung mit Geschichte – nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als Frage an die Gegenwart. Die Josefstadt beweist damit, dass sie nicht nur Ort gepflegter Schauspieltradition ist, sondern auch Raum bietet für Themen, die nachdenklich machen.

INFO:
josefstadt.org

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