Von Kellerpartys zum Kultclub: 30 Jahre Techno Cafe

Beitragbild: Wiens Dienstag-Nacht-Institution feiert heuer Geburtstag. © Philipp Lipiarski

Wien feiert in diesem Jahr eine echte Veranstaltungs-Legende: Das Techno Cafe (DTC) wird 30 Jahre alt! Ab April startet das beliebteste Afterwork-Event der Stadt im Volksgarten Pavillon in die Jubiläumssaison. Gegründet von Sandra Kendl, die dem Event seit dem ersten Abend verbunden ist, prägt DTC seit 1996 die Wiener Clublandschaft. Das Techno Cafe verbindet Generationen, unterschiedlichste Communities und internationale DJ-Acts – und bleibt dabei seinen Grundwerten treu: offen, inklusiv und nahbar. Wir haben mit Sandra Kendl über 30 Jahre Tanz, Begegnungen und die Zukunft der Dienstagnacht gesprochen.

Seit 1996 verbindet das Techno Cafe in Wien Tanz, Musik und Gemeinschaft auf eine besondere Art. Von den ersten Kellerpartys im Scheffel über den Pavillon im Volksgarten bis zum heutigen Dienstagabend: Offenheit, Inklusion und die Förderung von Newcomer*innen prägen die DNA des Clubs. Im Interview erzählt Gründerin Sandra, wie sich der Underground der 90er zu einem Ort entwickelt hat, an dem jede/r willkommen ist – und wie das Rebranding zum 30-jährigen Jubiläum die Geschichte des Techno Cafes in die Zukunft trägt. Ein Blick hinter die Kulissen einer Wiener Institution, die Generationen verbindet.

Alle Fragen im Überblick:

vormagazin: Wie entstand die Idee für das Techno Cafe, und welche Erinnerungen an die allererste Veranstaltung bleiben Ihnen bis heute besonders lebhaft in Erinnerung?

Sandra Kendl: 1995 war die Technoszene in Wien noch klein. Man kannte sich, ging zu denselben Partys, hörte denselben neuen Sound, und irgendwie war das Ganze mehr eine große Freundes-Community als eine Szene im heutigen Sinn.

Ich war mittendrin, viel unterwegs, immer am Tanzen und kannte viele der DJs. Selbst auflegen wollte ich nie – ich war lieber diejenige im Hintergrund, die Dinge möglich macht. Als eine Freundin das kleine Kellerlokal Scheffel im achten Bezirk übernahm, fragte sie mich, ob ich nicht etwas starten möchte. Ich habe ehrlich gesagt nicht lange nachgedacht – auch nicht über das finanzielle Risiko – sondern einfach gemacht.

Am 9. Januar 1996 fand der erste Abend statt. Rückblickend wäre das nach den Feiertagen wahrscheinlich ein denkbar schlechter Termin gewesen, aber damals kamen trotzdem über 150 Leute. Wir dekorierten mit Tarnnetzen, selbst gemalten Tankgirl-Bildern und zeigten ziemlich obskure Filme. Was mir bis heute wichtig ist: Die Musik war von Anfang an so eingestellt, dass man tanzen und reden konnte. Diese Mischung aus Begegnung, Musik und Fun ist bis heute der Kern geblieben.

Nach vier Monaten wurde das Lokal schon zu klein, und der Pavillon im Volksgarten hat uns zu sich geholt. Der Rest ist ein bisschen Geschichte.

„Diese Mischung aus Begegnung, Musik und Fun ist bis heute der Kern geblieben.“

-Sandra kendl

Ihr Event war von Anfang an auf Offenheit und Inklusion ausgerichtet — wie haben Sie diese Werte in Türpolitik, Booking und Teamkultur verankert?

In den 90ern war die Türpolitik vieler Clubs in Wien ehrlich gesagt ziemlich unangenehm. Man wurde an der Tür kritisch gemustert, abgecheckt – und wenn man nicht in ein bestimmtes Bild gepasst hat, blieb man draußen. Die Szene war oft erstaunlich homogen. Mich hat das immer gestört, weil es sich weder freundlich noch besonders cool angefühlt hat.

Gerade der ursprüngliche Geist von Techno war ja ein anderer: offen, verbindend, neugierig auf Menschen. Diese Erfahrung hat mich stark geprägt. Mir war von Anfang an wichtig, dass der Empfang an der Tür etwas Positives ist – weil er den ganzen Abend färbt. Wenn du dich willkommen fühlst, entspannst du dich sofort anders.

Deshalb gilt bei uns bis heute: Jede/r ist willkommen, solange man respektvoll miteinander umgeht. Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Dienstag so ein gemischtes Publikum hat – von ganz jungen Gästen bis zu Menschen, die seit Jahrzehnten kommen, aus unterschiedlichsten Berufen und Szenen.

Diese Haltung zieht sich durch alles: durch die Tür, durch das Team und auch durch das Booking der DJs. Am Ende geht es immer darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich Menschen wirklich begegnen können und sie selbst sein können.

Der Übergang vom Underground zum breiteren Publikum war riskant. Welche Entscheidungen oder Kompromisse waren dabei am schwersten — und welche bereuen Sie nie?

Als unser Event wuchs, gab es die Idee, strenger zu selektieren – eine Türpolitik einzuführen. Für mich kam das nie infrage. Der Dienstag lebt vom Vibe, von diesem Moment, in dem sich Menschen willkommen fühlen, miteinander lachen, tanzen und Geschichten entstehen. Klar, einige Stammgäste blieben weg, neue kamen hinzu, und ja – anfangs war da ein mulmiges Gefühl. Aber ich wusste: Diese Entwicklung ist richtig. Sie hat DTC zu dem gemacht, was es heute ist – ein Ort, an dem jede/r dazugehört, ohne die Magie der ersten Nächte zu verlieren, mit einer offenen Türpolitik.

„Der Dienstag lebt vom Vibe, von diesem Moment, in dem sich Menschen willkommen fühlen, miteinander lachen, tanzen und Geschichten entstehen.“

-Sandra Kendl

Sie fördern konsequent Newcomer*innen — wie wählen Sie Künstler*innen aus, und welche Bedeutung hat dieses Fördern für die DTC-Community?

Ich habe selbst jahrelang als internationale Musikagentin gearbeitet und weiß, wie schwer es für neue Talente ist, an Gigs zu kommen – die Wiener Szene war da früher keine Ausnahme. Für mich war von Anfang an klar: Wir machen es anders.

Bei der Auswahl kommt es auf mehrere Dinge an: Die Künstler*innen müssen mixen können, das Set sollte eine Dramaturgie haben und eine Geschichte erzählen und natürlich zum typischen Dienstag-Sound passen. Dieser hat sich über 30 Jahre weiterentwickelt, immer wieder tauchen neue Strömungen auf, aber unser Anspruch bleibt: hochwertige elektronische Musik mit Abwechslung von Woche zu Woche.

Unsere Gäste vertrauen darauf, dass der Sound stimmt. Darum arbeiten wir nicht mit Namedropping, sondern mit einer klaren Vertrauensbasis und einer kohärenten musikalischen Linie – genau wie es schon in den 90ern in den Clubs gelebt wurde. Für die DTC-Community bedeutet das: neue Talente entdecken, exzellente Sets erleben und Teil einer lebendigen, verbindenden Szene sein.

Zum 30. Geburtstag gab es ein Rebranding. Was wollten Sie mit dem neuen Look ausdrücken, und wie reagieren Stammgäste und neue Besucher*innen darauf?

Das Rebranding, umgesetzt von Freude Studio, wird sich Stück für Stück über den Sommer entfalten – noch ist nicht alles sichtbar, und wir sind schon sehr gespannt auf die Reaktionen. Eine passende Agentur zu finden, die 30 Jahre Geschichte erzählt, ohne sich komplett im Alten zu verlieren, war nicht einfach. Freude Studio hat von Beginn an gepunktet: Sie stellten die richtigen Fragen und verstanden den Ursprungsvibe unseres Dienstags.

Unser Ziel war klar: das Gefühl vom Dienstag sichtbar machen, gleichzeitig im Design polarisieren, wachrütteln und Freiraum für Experimente lassen. Ich liebe es, wenn Design zum Nachdenken anregt, nicht sofort alles offensichtlich ist und Dinge auf eine neue, unerwartete Weise präsentiert werden.

Vor welchen Herausforderungen steht DTC künftig (z. B. Generation „NoAlk“, Handy-Kultur) — und welche Strategien haben Sie, um auch die nächsten 10–30 Jahre relevant zu bleiben?

Ja, wir leben gerade in einer wirklich spannenden Zeit – und sie bringt große Herausforderungen mit sich: von der No-Alk-Generation bis zu steigenden Lebenskosten. Ich habe schon viele Wellen in der Wiener Nachtszene erlebt, aber diese Veränderung ist massiv und erfordert ein Umdenken.

Für uns heißt das: bewusst gestalten. Am 17.3. zur Jubiläums-Pre-Party bitten wir unsere Gäste, nicht zu filmen. Das wird im Sommer nicht überall umsetzbar sein, aber es ist ein Schritt zurück zum echten Moment, zum echten Erleben, zum Genuss von Musik, Menschen und Club.

Für die jüngere Generation sind wir im ständigen Austausch, prüfen neue Konzepte und kleine Veränderungen, die den Dienstag weiterhin spannend und relevant halten. Interessanterweise wächst gleichzeitig die 30+-Generation stark, geht mehr aus denn je und bringt neue Energie mit.

Insgesamt steht der Dienstag auf einem starken Fundament – wir müssen uns anpassen, aber ich mache mir wenig Sorgen. Es ist eine wirklich aufregende Zeit voller Möglichkeiten.

Carla Hoffmann
Carla Hoffmann
Redakteurin Vormagazin

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