Beitragsbild: © viennale 2026
13 Tage, großes Kino und eine Stadt im Festivalmodus: Von 22. Oktober bis 3. November bringt die 64. Viennale internationales Autorenkino, österreichische Filmgeschichte und große Wiederentdeckungen auf Wiens Leinwände. Heuer rückt das Festival Österreich besonders in den Fokus – und holt mit Robert Aldrich einen der großen Rebellen Hollywoods zurück ins Kino.
Ende Oktober füllen sich die Säle von Gartenbaukino, Urania, Metro Kinokulturhaus und Co mit Filmbegeisterten aus ganz Österreich. Man diskutiert, entdeckt neue Regisseur:innen, wartet vor dem Kino auf Restkarten und zieht danach weiter in die Viennale Zentrale. Rund 92.000 Besucher:innen lockt Österreichs größtes internationales Filmfestival jährlich an. Von 22. Oktober bis 3. November geht die Viennale 2026 in ihre 64. Ausgabe – mit einem Programm, das große Namen ebenso ernst nimmt wie filmische Entdeckungen und historische Seitenblicke. Wer angesichts der Auswahl nicht weiß, womit er beginnen soll: In einem eigenen Artikel stellen wir die fünf persönlichen Filmtipps von Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi vor.
Auftakt mit Bildern aus dem Waldviertel
Eröffnet wird die Viennale heuer ungewöhnlich österreichisch. Johann Lurf verwandelt das Gartenbaukino mit „Forever…Forever“ in einen Lichtraum. Für sein 21-minütiges Werk beobachtete der österreichische Filmemacher über 22 Monate hinweg den Stausee Ottenstein im Waldviertel – aufgenommen auf 70mm mit einer eigens konstruierten Kamera. Zur Eröffnung wird das Werk von Dorian Concept live musikalisch begleitet. Ein Auftakt, der gleich klarstellt, worum es bei der Viennale auch 2026 geht: Kino darf Experiment sein, Erfahrung und Ereignis zugleich.

Wiener Blues zum Abschluss
Tizza Covi und Rainer Frimmel präsentieren zum Abschluss „Wiener Blues: The Loneliest Man in Town“, ein Porträt des Wiener Bluesmusikers Al Cook. Ausgangspunkt ist ein höchst gegenwärtiges Stück Stadtgeschichte: Cook soll seine langjährige Wohnung in der Ungargasse verlassen, weil das Haus einem Immobilienprojekt weichen muss.

Daraus entsteht ein Film über einen Musiker, aber auch über Wien, Veränderung und die Frage, was von einer Stadt bleibt, wenn ihre alten Geschichten nach und nach verschwinden. Al Cook selbst wird zur Abschlussgala erwartet.
Ein Hollywood-Rebell kehrt zurück – ins Österreichische Filmmuseum
Eine der großen Schatzkammern des Festivals öffnet heuer das Österreichische Filmmuseum. Gemeinsam mit der Viennale widmet es Robert Aldrich eine nahezu vollständige Retrospektive. Aldrich war einer jener Regisseure, deren Filme berühmter wurden als ihr Schöpfer. Er drehte Welterfolge wie „Vera Cruz“, „What Ever Happened to Baby Jane?“ und „The Dirty Dozen“, sprengte mit „Kiss Me Deadly“ die Grenzen des Film noir und stellte mit „Ulzana’s Raid“ das klassische Bild des Westerns infrage.

Seine Karriere war dabei fast so widerspenstig wie seine Filme. Aldrich stammte aus einer prominenten konservativen Familie, brach mit diesem Umfeld und arbeitete sich in Hollywood unter anderem als Assistent von Jean Renoir und Charlie Chaplin nach oben. In seinen Filmen blieb er misstrauisch gegenüber Macht, Institutionen und allzu einfachen Heldenbildern. Von 23. Oktober bis 30. November zeigt das Filmmuseum Aldrichs Werk in zahlreichen raren Filmkopien. Für Cineast:innen dürfte diese Retrospektive damit weit über die eigentliche Festivaldauer hinaus einer der Höhepunkte des Kinoherbstes werden.
Das Filmarchiv Austria zeigt Österreich in den Neunzigern
Einen ganz anderen Blick zurück wirft das Filmarchiv Austria. Das Spezialprogramm „Österreichische Filme der 90er Jahre“ führt in eine Zeit, in der plötzlich vieles möglich schien: Der Kalte Krieg war vorbei, Grenzen öffneten sich, Europa rückte zusammen, neue Technologien und Konsumwelten veränderten den Alltag. Auch das österreichische Kino begann, anders auf das Land zu schauen. Statt großer nationaler Erzählungen rückten urbane Räume, Zwischenwelten und Menschen in den Mittelpunkt, deren Gewissheiten ins Wanken geraten waren. Fünf Arbeiten zeichnen dieses Jahrzehnt nach – darunter Filme wie „Tempo“, „Halbe Welt“ und „Jugofilm“. Wer die Neunziger erlebt hat, kann sie hier neu betrachten. Wer sie nicht erlebt hat, bekommt eine Ahnung davon, warum diese Jahre bis heute nachwirken.
Kelly Reichardt und die Kunst hinter dem Bild
Noch bevor der eigentliche Film beginnt, gibt es bei jeder Vorstellung einen kleinen Viennale-Moment. Der Festivaltrailer 2026 stammt von der US-amerikanischen Regisseurin Kelly Reichardt. „Rain Set Action“ zeigt eine Regenszene, die für ihren Film „The Mastermind“ gedreht wurde, am Ende aber nicht darin landete. Immer wieder wird die Einstellung neu vorbereitet und geprobt. Das vermeintlich Nebensächliche wird dadurch zum eigentlichen Film – und zur Hommage an all jene Menschen, deren Arbeit hinter wenigen Sekunden Kino steckt.

Das Funkhaus wird Festivalzentrale
Auch außerhalb der Kinosäle will die Viennale heuer stärker zum Treffpunkt für Filmbegeisterte. Die Viennale Zentrale zieht ins Funkhaus Wien in der Argentinierstraße. Das historische ORF-Gebäude im vierten Bezirk wird während des Festivals zum Ort für Gespräche, Masterclasses, Podiumsdiskussionen, Konzerte und Partys. Das passt zur Grundidee des Festivals: Kino endet nicht mit dem Abspann. Filme sollen Debatten auslösen, Menschen zusammenbringen und Themen aus dem dunklen Saal zurück in die Stadt tragen.

Mehr Viennale für ein junges Publikum
Neu ist 2026 außerdem ein Ferien-Abo für Jugendliche ab 14 Jahren. Vier ausgewählte Festivalfilme werden mit Einführungen und Gesprächen mit Filmschaffenden verbunden. Damit richtet sich die Viennale bewusst an ein Publikum, das internationales Festivalkino vielleicht gerade erst für sich entdeckt. Auf dem Programm stehen „Zoom In, Zoom Out“, „Low Expectations“, „Home Stories“ und „We Are Aliens“. Ergänzt wird die Initiative durch Schüler:innenvorstellungen und Einblicke in die Arbeit hinter einem internationalen Filmfestival.
Viennale 2026 auf einen Blick
Festival: 22. Oktober bis 3. November 2026
Programm: seit 13. Oktober auf viennale.at
Ticketvorverkauf: ab 17. Oktober, 10 Uhr
Retrospektive Robert Aldrich: 23. Oktober bis 30. November, Österreichisches Filmmuseum
Viennale Zentrale: Funkhaus Wien, Argentinierstraße
INFO:
www.viennale.at




© Roland Ferrigato

bei der Viennale 2025
© Alexi Pelekanos

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