Beitragsbild: Beate Maly las im Rahmen der „Buchwochen im Kaffeehaus“ im daskardinal. © Bubu Dujmic
Hinter Wiens berühmten Kaffeehäusern und nostalgischen Fassaden liegen Geschichten, die weniger gemütlich sind: von Frauen, denen der Zugang zum öffentlichen Leben erschwert wurde, und von Menschen, die in den Kanälen nach verwertbaren Resten suchten. Schriftstellerin Beate Maly machte im Zuge ihrer Lesung solche vergessenen Lebenswelten sichtbar – und zeigte, warum ein Blick zurück auch die Gegenwart verständlicher macht.
Im Rahmen der Buchwochen im Kaffeehaus traf Beate Maly im Hietzinger Café daskardinal auf ihr Publikum, um über ihr literarisches Lieblingsprojekt „Aurelia“ zu sprechen: eine Romanfolge über eine nonkonforme Adelige im Wien um 1900. Im Gespräch mit Moderator Helmut Schneider ging es um historische Recherche, ungewöhnliche Lebenswelten und die Frage, wie aus vergangenen Zeiten Geschichten werden, die uns heute noch etwas angehen.
Maly gehört zu den erfolgreichsten österreichischen Autorinnen ihres Genres. Ihr Roman über die Begründerin der Montessori-Pädagogik verkaufte sich rund 250.000 Mal. Hinter dem Erfolg steckt eine Arbeitsweise, die auf Geduld, Genauigkeit und dem Interesse an den kleinen Details des Lebens beruht. Denn Malys Geschichte beginnt oft dort, wo andere längst aufgehört haben hinzusehen.
Die Vergangenheit ist kein Kostüm
Historische Romane werden gern auf schöne Kleider, alte Gemäuer und die Illusion einer überschaubareren Welt reduziert. Beate Maly interessiert sich dagegen für die sozialen Verhältnisse, unsichtbare Hierarchien und Menschen, die in großen historischen Erzählungen kaum vorkommen.
„Ich glaube, dass wir in die Gegenwart nur verstehen können, wenn wir die Geschichte kennen.“
— Beate Maly
Die Jahrhundertwende ist dafür ein besonders ergiebiger Schauplatz: Wien steht zwischen imperialer Selbstinszenierung, wissenschaftlichem Aufbruch und gesellschaftlichem Wandel. Die moderne Stadt entsteht – allerdings nicht für alle unter denselben Bedingungen. Auch Aurelia verkörpert diese Widersprüche. Ihre adelige Herkunft eröffnet ihr Möglichkeiten, während Geschlecht und gesellschaftliche Konventionen zugleich Grenzen setzen. Gerade die Frage, was eine Frau durfte, was sie wollte und was sie sich tatsächlich leisten konnte, macht diese Epoche für Maly interessant.
Ein Kaffeehaus als politischer Ort
Im Wien des 19. Jahrhunderts konnten Frauen nicht selbstverständlich allein ein Kaffeehaus besuchen. Einzelne Häuser richteten ab 1848 Damen-Salons ein – Sonderbereiche, die eher die gesellschaftlichen Grenzen markierten als Gleichberechtigung ermöglichten. Für Maly zeigen solche Details, wie lange Normen nachwirken und wie umkämpft öffentlicher Raum sein kann.
Die eigentliche Geschichte spielt im Alltag
Maly recherchiert in Bibliotheken, Archiven und Filmarchiven; bei drei Buchprojekten arbeitete sie mit Historikerinnen zusammen. Besonders aufwendig ist es, den Alltag vergangener Zeiten zu rekonstruieren: Was kostete ein Essen, welche Berufe prägten die Stadt, und welche Spuren haben gewöhnliche Menschen hinterlassen?

Wien unter der Oberfläche
In ihrem Weihnachtsroman über die Wiener Schneekugel führt Malys Recherche zu den sogenannten Strottern. Der Begriff bezeichnete auch Menschen, die in der Kanalisation Fett und Knochen aus Abwässern sammelten, um sie an Seifensieder zu verkaufen. Hinter dem nostalgischen Wien-Bild zeigt sich so eine Stadt, deren Glanz auch auf harter, unsichtbarer Arbeit beruhte. Maly interessiert sich für solche Brüche: Wenn Gemütliches und Abgründiges nebeneinanderstehen, wird die Vergangenheit lebendig – und weniger idyllisch.
Vom Stipendium zum Bestseller
Dass aus Malys Interesse an Geschichte eine erfolgreiche Schriftstellerinnenkarriere werden würde, war anfangs nicht ausgemacht. Sie bereitete erste Kapitel und ein Exposé für einen historischen Roman vor und reichte das Projekt für das Wiener Autorenstipendium ein. Die Förderung bekam sie auf Anhieb. Mit der gewonnenen Zeit konnte sie ihren ersten Roman, „Die Hebamme von Wien“, fertigstellen. Noch bevor das Manuskript abgeschlossen war, schickte sie es an mehrere Verlage. Fünf zeigten Interesse. Malys Erfolg zeigt, dass historische Genauigkeit und erzählerische Zugänglichkeit keine Gegensätze sein müssen. Ein breites Publikum interessiert sich durchaus für komplexe Vergangenheit, wenn sie über Figuren, Konflikte und konkrete Lebenswelten vermittelt wird.
„Ich habe ganz naiv den halbfertigen
Roman weggeschickt.“
— Beate Maly
Aurelia und die Frage nach der Freiheit
Eine Frau aus adeliger Herkunft hat andere Möglichkeiten als eine Arbeiterin oder eine bürgerliche Angestellte. Doch Privileg bedeutet nicht automatisch Selbstbestimmung. Herkunft kann Handlungsspielräume eröffnen und zugleich Verpflichtungen festschreiben. Interessant wird Aurelia dort, wo sie mit diesen Widersprüchen umgehen muss – und wo Freiheit einen Preis hat.
Geschichte als Gegenmittel zur Nostalgie
Malys Romane führen in eine Welt, die zunächst fremd wirkt und bei genauerem Hinsehen erstaunlich vertraute Fragen aufwirft. Die Einschränkung weiblicher Bewegungsfreiheit, die Unsichtbarkeit prekärer Arbeit und die Aushandlung gesellschaftlicher Regeln gehören nicht nur vergangenen Jahrhunderten an. Die konkreten Verhältnisse haben sich verändert, die Fragen nach Macht, Teilhabe und Anerkennung bleiben.
„Ich glaube, dass wir auch nur aus unseren Fehlern lernen können, wenn wir sie kennen.“
— Beate Maly



