Die Kunst der Distanz: Was das Wiener Kaffeehaus über Demokratie erzählt

Beitragsbild: Max Gruber laß im Zuge der Buchwochen im Kaffeehaus © Bubu Dujmic

Literatur urteilt nicht wie ein Gericht. Sie macht sichtbar, was Menschen antreibt, wovor sie Angst haben und wie sie sich ihre Vergangenheit erklären. Max Gruber und Helmut Schneider sprachen im Rahmen der Buchwochen im Kaffeehaus über die Grauzonen der Geschichte – und darüber, was Demokratie von uns verlangt.

Es gibt eine besondere Form der Einsamkeit, die nur in Gesellschaft möglich ist. Man sitzt im Kaffeehaus, vor sich eine Melange und ein aufgeschlagenes Buch, und möchte für eine Weile mit niemandem sprechen. In Wien galt das lange nicht als unhöflich, sondern als eine der feineren Kulturtechniken des Zusammenlebens. Man war unter Menschen, ohne sich ihnen ausliefern zu müssen. Heute ist diese Kunst der Distanz beinahe erklärungsbedürftig geworden. Wer allein am Tisch sitzt, wird womöglich angesprochen.

„Das Kaffeehaus ist ein Ort der gekonnten Distanz.“

-Zitat nicht zugeordnet

Dass ausgerechnet das Kaffeehaus zum Schauplatz einer Diskussion über Demokratie und Literatur wird, ist deshalb mehr als eine hübsche Wiener Tradition. Es führt zu grundlegenden Fragen: Wie begegnen wir einander? Wie urteilen wir über Menschen in historischen Ausnahmesituationen? Und welche Rolle spielt Literatur, wenn einfache Antworten nicht mehr ausreichen?

Bei den Buchwochen im Kaffeehaus las Max Gruber seinen Beitrag zum Sammelband Warum braucht Demokratie Literatur? Anschließend diskutierte er mit Helmut Schneider über Der dritte Mann, Helmut Qualtingers „Herrn Karl“ und das Nachleben der nationalsozialistischen Vergangenheit in Österreich. Die Veranstaltung brachte Literatur dorthin, wo sie in Wien seit Generationen zu Hause ist: ins Kaffeehaus.

Der dritte Mann und die Verdrängung einer Stadt

Wien hat mit Der dritte Mann eine filmische Ikone hervorgebracht, die zugleich ein unheimliches Porträt der Stadt geblieben ist. Ruinen, Schatten, Besatzungszeit und die legendäre Kanalisation bilden eine Kulisse, in der das Nachkriegswien nicht als gemütliche Erinnerungslandschaft erscheint, sondern als Ort moralischer Verunsicherung. Für Gruber ist der Film weit mehr als ein Klassiker des britischen Kinos. Er zeigt eine Gesellschaft, die mit den Folgen einer Katastrophe leben muss und sich zugleich von ihrer Verantwortung zu distanzieren versucht. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, was geschehen ist, sondern wie Menschen anschließend mit dem Geschehenen umgehen.

Diese Perspektive verbindet Graham Greenes Drehbuch mit einem anderen bedeutenden Werk der österreichischen Nachkriegskultur: Helmut Qualtingers „Der Herr Karl“. Beide Figuren bewegen sich in einer Welt, in der persönliche Interessen, Selbstrechtfertigung und politische Verhältnisse ineinandergreifen. Sie erzählen von Menschen, die ihre eigene Rolle in der Geschichte so zurechtlegen, dass sie mit sich selbst weiterleben können.

„Die Aufgabe der Literatur und der Kunst […] ist es, wirklich genau hinzusehen.“

– Max Gruber

Literatur urteilt nicht (wie ein Gericht)

Literatur liefert keine fertigen Urteile, sondern zwingt dazu, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten. Sie kann die inneren Widersprüche eines Menschen darstellen, ohne sie zu beschönigen. Während der Diskussion wird das an der Frage deutlich, was Widerstand eigentlich bedeutet. War jemand tatsächlich im Widerstand – oder wurde eine frühere Haltung erst nachträglich so erzählt, weil es gesellschaftlich vorteilhaft war? Wer kann das mit letzter Sicherheit beurteilen?

Die Frage ist keine Einladung zum Relativismus. Sie verweist auf die Notwendigkeit genauer Prüfung. Erinnerung ist nicht neutral: Sie wird von Interessen, Ängsten und den moralischen Erwartungen der Gegenwart geprägt. Gerade deshalb braucht es Erzählungen, die sich nicht mit der ersten plausiblen Erklärung zufriedengeben. Gruber bringt die Schwierigkeit auf den Punkt, wenn er Verantwortung, Schuld, Mitläufertum und Widerstand in den Zusammenhang historischer Grauzonen stellt. Menschliches Verhalten lässt sich nur verstehen, wenn man die Bedingungen und Handlungsspielräume ernst nimmt, ohne die Frage nach Verantwortung preiszugeben.

Der unvollkommene Schluss von Der dritte Mann

Wie viel eine Geschichte über ihre Zeit verrät, zeigt sich oft an ihrem Ende. Bei Der dritte Mann stand ein versöhnlicherer Schluss zur Diskussion: Holly Martins und Anna sollten nach dem Begräbnis von Harry Lime zueinanderfinden. Doch Graham Greene und Regisseur Carol Reed hielten an einer anderen Lösung fest. In der berühmten Schlusssequenz wartet Holly am Zentralfriedhof auf Anna. Sie kommt näher, geht an ihm vorbei und würdigt ihn keines Blickes. Die Kamera bleibt auf dieser Bewegung. Kein Happy End, keine Wiederherstellung einer vertrauten Ordnung, kein Trost für den Mann, der sich eine gemeinsame Zukunft erhofft. Gerade diese Verweigerung macht den Schluss so modern. Die Geschichte löst ihren Konflikt nicht auf, nur damit das Publikum beruhigt nach Hause gehen kann. Sie lässt die Figuren mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen zurück.

Das Kaffeehaus als soziale Versuchsanordnung

Von der Geschichte führt das Gespräch zurück in die Gegenwart – und an die Tische des Wiener Kaffeehauses. Die Kaffeehauskultur war nie nur eine Frage des Kaffees. Sie entstand auch aus den Bedingungen urbanen Lebens: Wohnungen waren klein, Arbeitsräume rar, und Begegnungen fanden an Orten statt, an denen man längere Zeit verweilen konnte. Für Schriftsteller, Journalisten, Künstler und Studenten bot das Kaffeehaus eine Infrastruktur des Denkens. Gruber erinnert sich an seine Studienzeit im Café Museum. Dort schrieb man gemeinsam an Seminararbeiten; nach Stunden brachte der Kellner neues Wasser. Das Kaffeehaus war Arbeitsplatz, Treffpunkt und verlängertes Wohnzimmer. Es erlaubte, allein zu sein, ohne sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Vom Kaffeehaustisch zum digitalen Schaufenster

Heute wird diese Form von Öffentlichkeit zunehmend durch digitale Selbstdarstellung ergänzt. Soziale Medien versprechen permanente Verbindung, verwandeln Begegnungen aber zugleich in Bilder, die kuratiert, bewertet und verbreitet werden. Das eigene Leben wird zum Schaufenster.

Gruber beschreibt diese Entwicklung als eine zunehmend narzisstische Kultur der Selbstinszenierung. Zugleich formuliert er eine Hoffnung: Dass digitale Dauerpräsenz langfristig den Wunsch nach realen Begegnungen verstärken könnte – nach einem Konzert, einer Lesung oder einem Theaterabend, bei dem Menschen tatsächlich denselben Raum teilen.

„Diese Selbstfixierung sollte doch letztlich auch den Wunsch nach mehr Begegnung auslösen.“

– Max Gruber

Das ist keine sichere Prognose. Auch digitale Medien schaffen Gemeinschaften und ermöglichen neue Begegnungen. Doch der Unterschied, den Gruber herausarbeitet, bleibt interessant: Im Kaffeehaus war man nicht nur sichtbar, sondern auch angreifbar. Man konnte ausgelacht, ignoriert oder in ein Gespräch verwickelt werden. Begegnung bedeutete, sich einer Situation auszusetzen, deren Verlauf nicht vollständig kontrollierbar war. Online lässt sich die eigene Präsenz leichter steuern. Im physischen Raum dagegen bleibt eine gewisse Unberechenbarkeit. Vielleicht liegt gerade darin der Wert analoger Öffentlichkeit: Sie verlangt, dass wir andere Menschen nicht nur als Profile oder als Teil unserer selbst gewählten Umgebung wahrnehmen.

Das Kaffeehaus war freilich nie ein demokratisches Paradies. Auch seine Geschichte ist von gesellschaftlichen Ausschlüssen geprägt. Dennoch bewahrt es eine Idee, die heute keineswegs selbstverständlich ist: Öffentlichkeit kann bedeuten, nebeneinander zu existieren, ohne ständig miteinander interagieren oder einander bewerten zu müssen.

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