„BRUNO – Der junge Kreisky“: Rebellion, bevor sie Geschichte wurde

Beitragsbild: © DOR FILM/Petro Domenigg (filmstills.at)

Bevor Bruno Kreisky zum Staatsmann und zur politischen Ikone wurde, war er ein junger Mann mit einer ziemlich großen Frage: Kann man die Welt verändern? Das vormagazin war am 22. September beim Preview im „Kino Wie Noch Nie“ dabei und sah Harald Sicheritz’ „BRUNO – Der junge Kreisky“ vor dem offiziellen Kinostart. Danach öffnete Sicheritz im Publikumsgespräch den Blick hinter den Film: auf historische Präzision, einen Humor, der sich nicht planen lässt, und auf politische Fragen, die knapp 100 Jahre später erstaunlich wenig an Dringlichkeit verloren haben.

Ein junger Mann gegen die Verhältnisse

Wien Ende der 1920er Jahre. Die politische Lage wird zunehmend angespannter, gesellschaftliche Fronten verhärten sich. Mittendrin: Bruno Kreisky, Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie, der seinen Platz nicht dort sucht, wo ihn seine Herkunft vermuten ließe. Stattdessen zieht es ihn zur sozialistischen Arbeiterjugend – die den bürgerlichen Neuzugang zunächst alles andere als begeistert empfängt.

Nils Arztmann spielt diesen „jungen Kreisky“ nicht als fertigen Politiker im Kleinformat. Sein Bruno ist neugierig, hartnäckig, manchmal unbequem und vor allem noch auf der Suche. Gemeinsam mit seinen Mitstreiter:innen organisiert er verbotene Treffen, verteilt Widerstandsaufrufe und stellt sich einem politischen System entgegen, das immer autoritärer wird. Aus Überzeugungen werden Entscheidungen, aus jugendlichem Idealismus wird ein gefährliches Spiel. Darin liegt die Stärke des Films: Wir wissen, wer Bruno Kreisky später werden wird. Der Film lässt uns die Momente davor erkunden – die Geschichte einer Figur, deren Biografie noch nicht Geschichte ist.

Politischer Film ohne Denkmal

Harald Sicheritz widersteht der Versuchung, Kreisky auf einen Sockel zu stellen. Statt Ehrfurcht gibt es Bewegung, Zweifel, Freundschaft, Konflikte und eine überraschende Leichtigkeit. Geschichte wird hier nicht aus der sicheren Distanz erzählt, sondern über junge Menschen, die noch nicht wissen können, welche Konsequenzen ihre Entscheidungen einmal haben werden.

Ein Gedanke, den Sicheritz beim Gespräch nach dem Preview besonders hervorhob, bringt das Prinzip des Films auf den Punkt: „Wenn jemand denkt, er kann mit ein paar Gleichgesinnten die Welt möglicherweise besser machen, dann probieren wir das aus.“ Für ihn liegt genau darin auch die Verbindung zur Gegenwart. „Das ist, glaube ich, das, was zeitlos aktuell ist.“ Denn hinter den konkreten historischen Ereignissen steckt eine Frage, die auch hundert Jahre später nicht verschwunden ist: Was tut man, wenn politische Entwicklungen den eigenen Überzeugungen fundamental widersprechen?

Wien, 100 Jahre entfernt

Dass „BRUNO“ dabei nicht wie ein historisches Schaubild wirkt, ist kein Zufall. Sicheritz und sein Team legten großen Wert darauf, das Wien dieser Zeit möglichst glaubwürdig wieder entstehen zu lassen. „Wir haben uns sehr bemüht, das historische Setting authentisch herzustellen“, erklärte der Regisseur. Unterstützt wurde die Produktion von der Historikerin Helene Maimann, die sich intensiv mit Kreisky beschäftigt hat und bei historischen Details genau hinsah. Sicheritz formuliert charmant: „Nichts, was falsch hätte sein können, ist ihrem scharfen Auge entgangen.“

Diese Genauigkeit reicht bis zur Sprache. Menschen vor rund einem Jahrhundert sprachen anders – nicht nur mit einem anderen Wortschatz, sondern auch in einem anderen Tempo. „Wir reden heute deutlich schneller als die Menschen damals gesprochen haben“, so Sicheritz. Kostüm, Ausstattung, Sprachmelodie und Schauspiel greifen deshalb ineinander, um eine Welt zu erzeugen, die vertraut genug bleibt, um emotional zugänglich zu sein, und gleichzeitig ihre historische Distanz behält.

Warum darf man hier eigentlich lachen?

Überraschend ist, wie viel Humor der Film trotz seiner politischen Schwere entwickelt. Und noch überraschender: Sicheritz hatte offenbar selbst nicht damit gerechnet, wie stark das Publikum darauf reagieren würde. „Bei der Weltpremiere beim Filmfest München war ich wirklich überrascht, dass die Leute den Film besonders humorvoll fanden.“ Das funktioniert gerade deshalb, weil „BRUNO“ nicht krampfhaft versucht, lustig zu sein. „Ich setze mich nicht hin und sage: Was könnten die jetzt Lustiges sagen?“, erklärte Sicheritz beim Gespräch. Der Humor entsteht aus Charakteren, Beziehungen und Situationen. Damit nähert sich der Film letztlich dem echten Leben an. „Das Leben besteht ja nicht nur aus dem einen oder dem anderen“, sagt Sicheritz. Und weiter: „An einem Tag geht es hin und her zwischen Dingen, die tragisch sind, und Dingen, die möglicherweise komisch sind.“

„Bei der Weltpremiere beim Filmfest München war ich wirklich überrascht, dass die Leute den Film besonders humorvoll fanden.“

Regisseur Harald Sicheritz

Mehr Coming-of-Age als Geschichtsstunde

„BRUNO – Der junge Kreisky“ funktioniert am besten, wenn man ihn nicht ausschließlich als Politiker-Biopic betrachtet. Sicheritz erzählt auch eine Coming-of-Age-Geschichte – nur dass Erwachsenwerden hier bedeutet, sich in einer zunehmend gefährlichen politischen Realität positionieren zu müssen.

Nils Arztmann gibt Kreisky dabei genügend jugendliche Energie, um hinter dem späteren Staatsmann tatsächlich einen jungen Menschen erkennen zu können. Maya Unger und das Ensemble sorgen dafür, dass diese Geschichte nicht zur One-Man-Show wird. Schließlich entstehen politische Bewegungen nie allein durch jene Persönlichkeiten, deren Namen später in den Geschichtsbüchern stehen. Der Film stellt nicht die Frage, wie aus Bruno Kreisky der berühmte Bundeskanzler wurde. Spannender ist: Was bringt einen jungen Menschen überhaupt dazu, Haltung zu entwickeln – und was ist er bereit, dafür zu riskieren?

INFO: 
BRUNO – Der junge Kreisky 
ab 1. Oktober im Kino

Carla Hoffmann
Carla Hoffmann
Redakteurin Vormagazin

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