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Dienstag, Dezember 6, 2022

Buchtipp von Helmut Schneider: Der Gaukler mit Beethoven & Co

Der „kleine Komponist und Kunstbezweifler“ Edgar Arnold David Niehaus (EADN) wird 1968 in Halle/Saale in der DDR geboren und hätte als Partei-Günstling überall Karriere machen können. Alleine – er entschied sich für die Musik. Und bei erstbester Gelegenheit nutzte er die offenen Grenzen und setzte nach Westberlin über, wo er in der alternativen Hausbesetzer-Szene bald schon die linken Freunde mit neuer und somit unverständlicher Musik nervte. Früh wird er auch krank. Wie es dazu kam, dass EADN in den fest eingezirkelten Kreisen der Avantgarde reüssieren und recht gut von Stipendien leben konnte, letztlich aber nicht unzufrieden als besserer Unterhaltungsmusiker auf Kreuzfahrtschiffen endete, davon erzählt Otto Brusatti in seinem Musik-Roman Roman „Der Gaukler mit Beethoven & Co.“ Das Buch ist zugleich Parodie, Satire, Schelmenroman und Anti-Künstlerroman. Thomas Manns berühmter Komponistenroman „Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“ wird dabei ebenso lustvoll geplündert und parodiert wie Nietzsches Biografie oder Wittgensteins „Tractatus“. Sein Edgar Niehaus ist ebenso arrogant wie anscheinend untalentiert, er zieht dabei aber ungeniert über Musikerkollegen her und hat damit auch lange Zeiten beträchtliche Erfolge in Talkshows und bei akademischen Symposien.

Geht er auch einen Pakt mit dem Teufel ein? Just an zwei Weihnachtsabenden kommt es zu seltsamen Begegnungen mit zwei mysteriösen Zeitgenossen, krank ist er ja schon und in der Liebe hat er auch wenig Glück. Einmal bringt er in Wien – neben Berlin und Leipzig seine Schicksalsstadt – eine angehende feministische Literatin dazu, ihm Textfetzen für ein Oratorium zu liefern und einmal findet er tatsächlich ausgerechnet in Ungarn eine von Primzahlen besessene Frau, mit der er einige unbeschwerte Tage verbringen kann. Nach einem vielversprechenden Abschied, begeht die anscheinend schwerkranke Frau allerdings Suizid. Niehaus macht weiter mit der Zerstörung von Traditionen, er will Wittgenstein vernichten, was ihm wiederum ein Stipendium einbringt. Er macht auch das zu Musik. Das letzte große Werk, dessen Aufführung mindestens sieben Stunden dauern würde, ist schließlich ein Balladenprojekt. Stefan George und immer wieder Franz Schubert sind seine geistigen Führer, an denen er sich abarbeitet. Letztlich holt ihn seine Krankheit, die nie genau diagnostiziert wird, aber ein und er stirbt mit nur 51 Jahren – immerhin keine Primzahl und immerhin bleibt ihm ein langes Darben in geistiger Umnachtung wie Nietzsche und Manns Adrian Leverkühn erspart.

Der Roman ist natürlich in erster Linie für musikalische und literarische Feinspitze ein Vergnügen, da allerlei Verweise und Anspielungen zu entschlüsseln wären. Brusatti beschreibt mit den Augen seines Protagonisten die eitlen musikalischen Eliten und den trägen, selbstgefälligen Kulturbetrieb. Beim Festival „Rund um die Burg“ am 20./21. Mai wird er seinen Roman dem Publikum vorstellen.

Otto Brusatti wird am 20. Mai, 18.30 Uhr, bei „Rund um die Burg“ im Landtmann Bel Etage bei freiem Eintritt aus seinem Roman lesen.


Anti-Künstler-Roman – Otto Brusatti schildert in „Der Gaukler mit Beethoven & Co.“ Das Leben eines Komponisten heute.

Otto Brusatti: „Der Gaukler mit Beethoven & Co. Ein Musik-Roman“
Morio Verlag
ISBN: 978-3-945424-98-8
364 Seiten
€ 16,50

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