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Sonntag, September 25, 2022

Chagall bis Malewitsch

Die Russische Avantgarde zählt zu den vielseitigsten und radikalsten Kapiteln der Moderne: Zu keinem anderen Zeitpunkt wurden Schulen und Künstlervereinigungen mit so atemloser Hast gegründet wie in Russland zwischen 1910 und 1920. Jede Gruppe ist ein Programm, jedes Programm eine Kampfansage – an die Vergangenheit ebenso wie an die konkurrierende Gegenwart. Die Albertina widmet der Vielfalt der Kunst dieser Epoche eine großangelegte Schau: 130 Meisterwerke von Michail Larionow, Natalia Gontscharowa, Kasimir Malewitsch, Wassily Kandinsky, Marc Chagall und vielen anderen illustrieren die grundverschiedenen Stile, ihre dynamische Entwicklung vom Primitivismus über den Rayonismus, Kubofuturismus bis zum Suprematismus und Konstruktivismus sowie die zeitlichen Parallelen von gegenständlichem Expressionismus und reiner Abstraktion. In elf Kapiteln zeichnet „Chagall bis Malewitsch“ die kurze Epoche der russischen Avantgarde als sich zuspitzendes Drama der Vielfalt einander diametral gegenüberstehender Avantgarden nach.

Kampf der Ismen. So schöpften die russischen Avantgardisten aus unterschiedlichen, zum Teil konträren Inhalten und Anregungen: Einerseits diente die moderne westeuropäische Avantgarde als Orientierungspunkt, die mit Van Gogh, Matisse, Picasso und Braque in Paris so revolutionäre Ausdrucksformen wie den Fauvismus und Kubismus hervorgebracht hatte. Andererseits war man um den Bezug zur folkloristischen Bildtradition der Heimat bemüht. Was alle Künstlerinnen und Künstler aber vereinte, war das Ziel, sich von der Vergangenheit zu lösen: entweder durch deren radikale Negierung oder den Rückgriff darauf. „Chagall bis Malewitsch“ illustriert die erstaunliche Vielfalt unterschiedlicher, doch gleichzeitig existierender Stilrichtungen, Formensprachen und Theorien dieser Zeit unter Zuhilfenahme der vom deutschen Philosophen Ernst Bloch formulierten „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“. Danach lassen sich radikale Brüche sowohl innerhalb jener Generation und der entstehenden Künstlergruppen als auch innerhalb ein und desselben Künstleroeuvres feststellen. Neben der visuellen Konfrontation entgegengesetzter künstlerischer Prinzipien beleuchtet die Ausstellung die spannungsreiche Unterrichtstätigkeit zweier zentraler Figuren der russischen Avantgarde: Marc Chagall und Kasimir Malewitsch.

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