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Montag, November 28, 2022

Der Schlaf der Vernunft – Transhumanismus und Traumwelten

Bild: „You will be given light“, 90 x 135cm, Öl & Kohle auf Leinwand – ©Katerina Teresidi

Unsere gedankliche Welt wird zunehmend digitalisiert. Aber was ist mit unseren Körpern? Malerin und Preisträgerin Katerina Teresidi über Selbstoptimierung und Transhumanismus. 

Mehr als vierzig Jahre ist es her, dass „Kraftwerk“ ihr Album „Die Mensch-Maschine“ auf den Markt brachten. Auch wenn die Realität des Internet-Zeitalters für Zeitgenoss*innen der deutschen Elektronikmusik-Pioniere wohl unvorstellbar gewesen ist, beschäftigten die Globalisierung und Vernetzung der Welt schon damals die Gesellschaft. Heute sind wir der „Mensch-Maschine“ einen großen Schritt nähergekommen, vielleicht sogar mittendrin. Durch Social Media verlagern sich Teile des Soziallebens auf die digitale Ebene. Derart mit dem Internet verknüpft, könnte man argumentieren, dass bereits jetzt eine große Zahl an Menschen zu „Cyborgs“ geworden ist. Diese nämlich sind laut der Philosophie des Transhumanismus die nächste Stufe der menschlichen Evolution: Wesen, deren biologische Fähigkeiten durch Technologie erweitert werden.

Die Malerin Katerina Teresidi hat heuer zum zweiten Mal in Folge den Art-Award der Berufsvereinigung der Bildenden Künstler*innen Österreichs gewonnen. Im „ega: frauen im zentrum“ hat sie unlängst ihre aktuellen Werke zum Thema Transhumanismus in Kollaboration mit Veronika Junger unter dem Titel „Female Evolution“ ausgestellt.

Unsere gedankliche Welt wird zunehmend digitalisiert. Aber was ist mit unseren Körpern? Malerin Katerina Teresidi über Transhumanismus. 
„Ich nehme meine Rolle als Künstlerin wahr, beobachte aus meiner Perspektive heraus und folge meiner Intuition.“ – Katerina Teresidi | ©Stefan Diesner

vormagazin: Was beschäftigt Sie am Transhumanismus? 

Katerina Teresidi: Ich beobachte die Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Mich interessiert, wie wir als Menschen funktionieren, wie wir aufgebaut sind. Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Das Transhumanismus-Thema ist für mich kaum zu übersehen. Eingriffe in unsere DNA – aber wie wirken sich derartige Veränderungen auf unser Inneres aus? Ich möchte gar nicht urteilen, ob das gut oder schlecht für uns ist, aber ich möchte diese Prozesse verstehen.

Ihre Werke wirken teilweise dystopisch, ist das nicht auch ein Urteil? 

Vielleicht ist das die Furcht vor dem Unbekannten. Ich habe auch etwas Furcht davor, wenn Menschen an etwas herumpfuschen, das sie nicht beherrschen. Wie zum Beispiel Eingriffe in die DNA, was schon heute passiert und vielleicht in Zukunft zu Designer-Babys führt. Und wer weiß, vielleicht ticken gentechnisch und technologisch optimierte Menschen in Zukunft ganz anders, es könnten sich auch elitäre Strukturen bilden. Ich bin diesen Entwicklungen gegenüber skeptisch. Aber das ist nur mein Gefühl, ich bin keine Wissenschaftlerin.

Unsere gedankliche Welt wird zunehmend digitalisiert. Aber was ist mit unseren Körpern? Malerin Katerina Teresidi über Transhumanismus. 
„Mindblow“, 95 x 120cm, Öl, Pastell & Kohle auf Leinwand. – ©Katerina Teresidi

Das Werk „Der Schlaf der Vernunft“ stellt eine Frau dar, die scheinbar in der virtuellen Realität  gefangen ist. Werden wir denn zu Gefangenen unserer Technologie?

Ich bin mir nicht sicher. Ich sehe nur, dass unsere Gimmicks und Geräte immer kleiner werden. Sie kommen auch immer näher an den Körper, wie smarte Uhren oder smarte Brillen. Der nächste logische Schritt ist die Implantierung. In unserer heutigen Leistungsgesellschaft werden Möglichkeiten zur Selbstoptimierung selten ausgelassen. Studenten nehmen sogenannte Smart-Drugs, um ihre Leistung zu steigern. Aber ist das gesund für mein Wesen? Brenne ich mich da nicht aus? Darauf wird gepfiffen, wichtig ist nur der materielle Gewinn. Die Frage ist, ob unsere heutige Leistungsgesellschaft uns eine Wahl lässt, sobald Eingriffe wie High-Tech-Implantate verfügbar sind.

Viele Menschen sehen das ähnlich wie Sie …

Die Frage ist, ob sie es sich dann leisten können. Manchmal hat man keine Möglichkeit, sich gegen bestimmte Trends zu wehren. Introspektion und Eigenwille werden zum Luxus. Ich glaube, beim Versuch, die Grenzen der Natur zu überkommen, handeln wir nicht immer verantwortungsbewusst. 

Welche Reaktion auf Ihre Werke wünschen Sie sich? 

Ich wünsche mir eine interdisziplinäre Diskussion. Vertreter*innen aus Wissenschaft, Religion, Medizin etc. sollten sich mit den Auswirkungen des Transhumanismus auseinandersetzen. Ich nehme meine Rolle als Künstlerin wahr, beobachte aus meiner Perspektive heraus und folge meiner Intuition. Aber ich bin auch offen für Vorschläge und Kooperationen. Ich möchte Ideen provozieren.


INFO
teresidi.at

– SH –

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