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Dienstag, Dezember 6, 2022

Die harte Realität für chinesische Frauen – Helmut Schneiders Buchtipp

Die harte Realität für chinesische Frauen – Fang Fangs eindrucksvoller Roman „Wütendes Feuer“.

Das Bild von China ist das der neuen wirtschaftlichen Supermacht mit Millionenstädten, die manche westliche Metropolen wie Kleinstädte ausschauen lassen – doch das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. In „Wütendes Feuer“ sehen wir eine andere Wirklichkeit. Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang wurde 2020 bei uns mit ihrem Blog aus dem komplett gesperrten Wuhan („Wuhan Diary“) bekannt. In China ist sie, die sich bis dahin niemals offen gegen die Regierung gestellt hatte, aber schon längst eine literarische Größe. Jetzt erschien erstmals in deutscher Übersetzung ihr Roman „Wütendes Feuer“ aus dem Jahr 2002 über die besonders für Frauen schlimmen sozialen Verwerfungen im Zuge der Einführung der kapitalistischen Marktwirtschaft. In den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts boomte plötzlich die Industrie im Süden Chinas und die bis dahin dominierende Landwirtschaft litt unter der Abwanderung der Intelligenz. Nur die Alten und Arbeitsunwilligen blieben zurück. 

Fang Fang schildert nun in ihrem Roman das Schicksal des aufgeweckten Mädchens Yingzhi, das eine für sie fatal falsche Entscheidung trifft, als sie sich mit einem Nichtsnutz einlässt und schwanger wird. Im Dorf herrschen noch die alten patriarchalen Clan-Regeln – mit der Hochzeit wird sie Teil der Familie ihres Mannes und muss für sie arbeiten, während ihr von den Eltern verwöhnter Mann an nichts anderes als seine Vergnügungen denkt und auch noch munter Spielschulden anhäuft.  Zwar kann die als Sängerin begabte Yingzhi bei Auftritten viel Geld verdienen, doch für einen Hausbau reicht es wegen der Spielsucht ihres Mannes nicht. Statt selbst zu arbeiten ist er – bald schon nicht grundlos – eifersüchtig und schlägt sie fast tot. Fang Fang hat die Geschichte in eine Rahmenhandlung gestellt. Im ersten Kapitel sitzt Yingzhi bereits im Gefängnis, aber auch ohne diesen Hinweis ahnen wir als Leser schon bald, dass ihr Schicksal bereits besiegelt war, als sie schwanger wurde. Aber natürlich hofft man bis zum Schluss, dass sich für sie ein Ausweg auftut, sie es als Arbeiterin in den Süden schafft oder zumindest die schwer verpönte Scheidung erzwingen kann.

Die Jahrzehnte des Maoismus samt der verheerenden Kulturrevolution haben die jahrtausendealten chinesischen Strukturen mitnichten verändern können, wie Fang Fang mit ihrer Geschichte von Yingzhi eindrucksvoll aufzeigt. Wir erfahren viel in diesem Roman über den Umbruch in der chinesischen Gesellschaft, der mit Sicherheit noch lange nicht abgeschlossen ist. Der Roman zeichnet ein komplett anderes Bild von China.  


Die harte Realität für chinesische Frauen – Fang Fangs eindrucksvoller Roman „Wütendes Feuer“ ist Helmut Schneiders Buchtipp.

Fang Fang: Wütendes Feuer
Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann
Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-01384-9
206 Seiten
€ 22,70

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