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Dienstag, Dezember 6, 2022

Ein chinesischer Western

Helmut Schneiders Buchtipp ist diesmal ein chinesischer Western: „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ von C Pam Zhang.

Chinesen kommen in den amerikanischen Western – wenn überhaupt – nur als Arbeiter beim Ausbau der Eisenbahn durch den ganzen Kontinent vor. Kaum bekannt ist, dass die erste Einwanderungswelle dem kalifornischen Goldrausch geschuldet ist. Reich wurden da bekanntlich nur wenige, die meisten landeten dann als schlecht bezahlte Grubenarbeiter im Kohlebergwerk. Die in Peking geborene, aber in den USA aufgewachsene Autorin C Pam Zhang hat diesen ziemlich rechtlosen Migranten jetzt ein höchst literarisches Denkmal gesetzt.

In ihrem Roman „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ schildert sie wie das Geschwisterpaar Lucy und Sam im wilden Westen um ihr Überleben kämpft, nachdem Ba und Ma – also die Eltern – gestorben oder verschwunden sind. Erzählt wird aus der Perspektive der älteren zwölfjährigen Lucy, die immer im Schatten ihres Bruders Sam steht – dem Liebling von Ba. Dabei ist sie klug und lernwillig, doch die Armut der Familie und der überall herrschende Rassismus, der Hass auf die „Schlitzaugen“, setzt ihr enge Grenzen. Als Ba wirklich Gold findet, ist die Familie schon soweit, dass sie wieder zurück nach China wollen. Doch ein Überfall der neidischen Nachbarn macht den Plan zunichte. Und als dann auch noch der durch seine Alkoholsucht geschwächte Vater stirbt und die Mutter verschwindet – die Kinder glauben, sie ist auch verstorben – sind die beiden Geschwister ganz alleine. Mit Nelly, dem Pferd des Lehrers, das sie sich „ausleihen“, machen sie sich auf, eine freundlichere Umgebung zu suchen. Schon bald stellt sich allerdings heraus, dass Sam eigentlich ein Mädchen ist, das dem Wunsch des Vaters nach einem Sohn nur zu gerne nachgekommen ist. Ihre Sturheit wird sie freilich niemals ablegen.

Zhang beschreibt das Geschehen bildreich und poetisch aus der Sicht der Elfjährigen. Manches geht ins Groteske, etwa als die Kinder die bereits zerfallende Leiche ihres Vaters tagelang mitführen, weil sie den geeigneten Platz für das Begräbnis nicht finden. In den Dialogen werden oft auch Ausdrücke in Pidgin-Mandarin verwendet, aber immer so, dass man als Leser nicht überfordert wird. Die besten Szenen spielen mitten in der Prärie, wo die Mädchen den Elementen trotzen müssen. In der Stadt „Sweetwater“ (vermutlich San Diego) muss Lucy dann sogar als Prostituierte arbeiten, um die Schulden ihres „Bruders“ abzuarbeiten. Das und der spektakuläre Schluss sind dann vielleicht doch zu sehr alter Western…


Helmut Schneiders Buchtipp ist diesmal ein chinesischer Western: „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ von C Pam Zhang.

C Pam Zhang: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
Aus dem Englischen von Eva Regul
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-397392-1
342 Seiten
€ 22,70

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