Beitragsbild: Die Initiative „Mit offenen Augen“ macht deutlich, warum Wegschauen keine Option ist, Betroffene gesehen werden müssen und ihre Rechte gestärkt werden sollen. © beigestellt
Mit der Kampagne „Mit offenen Augen“ startet die Europäische Kommission eine Bewusstseinskampagne für die Rechte von Opfern von Straftaten. Österreich zählt zu neun EU-Mitgliedstaaten, in denen die Initiative zwischen Juni und Oktober 2026 umgesetzt wird. Der öffentliche Auftakt erfolgt am Donauinselfest.
Ziel ist es, das Bewusstsein für Opferrechte in Europa zu schärfen und zu vermitteln, dass Hinschauen oft der erste Schritt zur Unterstützung ist. Die Botschaft dahinter: Wahrnehmen ist ein gesellschaftlicher Auftrag – und die Grundlage für eine Gesellschaft, die Betroffene nicht allein lässt. Am Wiener Donauinselfest fällt Anfang Juli der Startschuss für eine europaweite Initiative, die den Blick auf ein oft unsichtbares gesellschaftliches Thema lenken will.
Wenn Opfer unsichtbar bleiben
Straftaten hinterlassen Spuren – nicht nur körperlich, sondern oft auch psychisch und sozial. Dennoch werden viele Betroffene von ihrem Umfeld nicht wahrgenommen. Laut europäischen Institutionen werden jährlich rund 75 Millionen Menschen in der Europäischen Union Opfer einer Straftat. Das entspricht etwa 15 Prozent der Bevölkerung. Für viele Betroffene beginnt die Belastung nicht erst mit der Tat selbst – und sie setzt sich danach fort: durch fehlende Unterstützung, mangelnde Information oder das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Genau hier setzt die Kampagne „Mit offenen Augen“ an. Sie möchte Menschen sensibilisieren, genauer hinzusehen, zuzuhören und Betroffene nicht allein zu lassen.
Aufklärung über Hilfsangebote
Auf europäischer Ebene existiert bereits ein umfassender Rechtsrahmen zum Schutz von Opfern. Die EU-Richtlinie über die Rechte von Opfern garantiert Mindeststandards in Bereichen wie Information, Schutz, Unterstützung und Beteiligung an Strafverfahren. Diese Rechte wurden in den vergangenen Jahren kontinuierlich weiterentwickelt und ausgebaut. Doch gesetzliche Grundlagen allein reichen nicht aus. Viele Menschen wissen nach wie vor nicht, welche Unterstützung ihnen tatsächlich zusteht oder an welche Stellen sie sich wenden können. Die Folge: Hilfsangebote bleiben ungenutzt und Betroffene erhalten nicht jene Unterstützung, auf die sie Anspruch hätten. Die Kampagne „Mit offenen Augen“ will genau diese Informationslücke schließen. Sie macht auf bestehende Beratungs- und Unterstützungsangebote aufmerksam und vermittelt Wissen über Opferrechte in einer verständlichen und niederschwelligen Form.
Junge Menschen im Fokus
Die Kampagne richtet sich insbesondere an junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren. Angesprochen werden sowohl Menschen, die selbst von Straftaten betroffen sind, als auch jene, die in ihrem Freundes- oder Familienkreis Betroffene unterstützen können. Denn oft sind es nicht Institutionen, sondern nahestehende Personen, die den ersten Schritt zur Hilfe ermöglichen. Ein offenes Ohr, die richtige Information oder der Hinweis auf eine Beratungsstelle können entscheidend sein.
Gesellschaftliche Verantwortung beginnt im Alltag
Die Botschaft der Kampagne „Mit offenen Augen“ ist ebenso einfach wie relevant: Opfer von Straftaten brauchen mehr als Gesetze. Sie brauchen Menschen, die hinschauen, zuhören und unterstützen. Die Initiative versteht Opferrechte deshalb nicht nur als juristische Frage, sondern als gesellschaftliche Aufgabe. Wer aufmerksam bleibt und Betroffene ernst nimmt, trägt dazu bei, dass Unterstützung dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Der Auftakt am Donauinselfest markiert den Beginn einer europaweiten Bewegung, die dazu aufruft, Verantwortung nicht nur bei Institutionen zu verorten, sondern im täglichen Miteinander. Mit offenen Augen – und mit dem Bewusstsein, dass Hilfe oft damit beginnt, jemanden überhaupt zu sehen.



