FRAGILE SYSTEMS: Jahresausstellung von SOHO in Ottakring

Beitragsbild: Künstlerisch-performatives Vermittlungsprogramm © Azam Shadpour Verein trivium

Was hält unsere Welt zusammen – und was passiert, wenn vermeintlich stabile Strukturen ins Wanken geraten? Die Jahresausstellung „Fragile Systeme“ von SOHO in Ottakring widmet sich vom 6. November bis 3. Dezember 2026 den verletzlichen Beziehungen zwischen Mensch, Natur und Gesellschaft. Acht künstlerische Positionen zeigen, dass Zerbrechlichkeit nicht nur Unsicherheit bedeutet, sondern auch Raum für Veränderung, Fürsorge und neue Perspektiven schafft.

In den SOHO STUDIOS im Sandleitenhof treffen Kunst, gesellschaftliche Fragen und persönliche Erfahrungen aufeinander. Die Ausstellung, kuratiert von Marie-Christine Hartig, Hansel Sato und Ula Schneider, beschäftigt sich mit ökologischen Krisen, Migration, Identität und dem menschlichen Zusammenleben. Dabei geht es weniger um fertige Antworten als um neue Denkansätze: Wie können wir Verantwortung füreinander übernehmen? Was können wir aus verletzlichen Systemen lernen? Und welche Zukunft entsteht, wenn wir Abhängigkeit nicht als Schwäche, sondern als Teil unseres Zusammenlebens begreifen?

ERÖFFNUNG: Donnerstag, 5. November 2026, 19 Uhr

1. Daniela Brill Estrada: Wo das Leben beginnt

Wie entsteht Leben aus scheinbar unbelebter Materie? Die aus Bogotá stammende und in Wien lebende Künstlerin Daniela Brill Estrada beschäftigt sich mit einer der grundlegendsten Fragen unserer Existenz. Ihre zwischen 2020 und 2026 entstandenen Arbeiten verbinden Astrobiologie, Naturwissenschaft und persönliche Erfahrungen. Dabei spannt sie einen Bogen vom Ursprung des Lebens bis zu queerer Liebe und gesellschaftlichen Beziehungen. Samen, Papierarbeiten und Objekte werden zu Ausgangspunkten für Überlegungen über Wachstum, Veränderung und Verbundenheit. Ihre Kunst zeigt, wie aus einfachen Elementen komplexe Systeme entstehen – und wie eng alles Lebendige miteinander verwoben ist.

„Ohne Titel“ – Arbeiten auf Papier, Samenarchiv und Objekte © Daniela Brill Estrada

2. Dakshayini Gowda von Stietencron: Die Kunst des Zusammenhalts

„Zusammenhalten“ – Objekte und partizipativer Workshop © Dakshayini Gowda von Stietencron

Was haben ein Stück Stoff, ein Fundstück und eine gemeinsame Handlung miteinander zu tun? Für die Textilkünstlerin Dakshayini Gowda von Stietencron sind sie Ausdruck von Erinnerung, Zugehörigkeit und Verbindung. In ihrer Arbeit „Zusammenhalten“ umhüllt sie Alltagsgegenstände und gefundene Objekte mit Textilien und gibt ihnen dadurch eine neue Bedeutung. Auch das Publikum wird Teil des künstlerischen Prozesses und kann die Objekte zu einem stetig wachsenden Turm zusammenfügen. So entsteht eine gemeinschaftliche Skulptur, die sich mit jeder Beteiligung verändert. Eine Arbeit darüber, wie aus einzelnen Dingen etwas Gemeinsames wachsen kann.

3. Elena Guiomar Janicke Quintero, Karolina Kreutzer und Viktoria Wöhry: Wenn Nähe verletzlich macht

Der menschliche Körper ist persönlich, gesellschaftlich geprägt und nicht selten Schauplatz von Machtverhältnissen. Mit ihrer gemeinsamen Installation „Fragile Nähe“ widmen sich Elena Guiomar Janicke Quintero, Karolina Kreutzer und Viktoria Wöhry einem Thema, über das öffentlich noch immer erstaunlich wenig gesprochen wird: der gynäkologischen Versorgung. Im Mittelpunkt stehen körperliche Erfahrungen, emotionale Verletzlichkeit und gesellschaftliche Erwartungen. Die drei Künstlerinnen, die an der Akademie der bildenden Künste Wien studieren, verbinden feministische Perspektiven mit Fragen nach Selbstbestimmung und Identität. Ihre Arbeit macht sichtbar, wie eng medizinische Versorgung, Vertrauen und persönliche Grenzen miteinander verbunden sind. Gleichzeitig schafft sie Raum für Austausch über Erfahrungen, die häufig im Privaten bleiben.

„Fragile Nähe“ – Installation © Viktoria Wöhry

4. Susana Ojeda & Marcela Torres Heredia: Eine andere Zukunft ist denkbar

„Otros futuros – Andere Zukünfte“ – Installation, Workshops und Dialogreihe © Marie Christine Hartig

Wie könnte eine Zukunft aussehen, die nicht von Ausbeutung und Ungleichheit bestimmt wird? Dieser Frage gehen Susana Ojeda und Marcela Torres Heredia mit ihrem Projekt „Otros futuros“ nach. Im Zentrum steht eine „casa común“, ein gemeinsames Haus, das durch Gespräche, Workshops und kollektive Prozesse entstanden ist. Audiovisuelle Interviews mit Aktivist:innen aus Abya Yala, einer indigenen Bezeichnung für Lateinamerika, eröffnen Perspektiven jenseits westlicher Zukunftsvorstellungen. Themen wie antirassistischer Widerstand, Spiritualität, Gemeinschaft und ökologische Verantwortung stehen dabei im Mittelpunkt. Die Installation versteht Zukunft nicht als festgeschriebenes Schicksal, sondern als etwas, das Menschen gemeinsam gestalten können.

5. Jatun Risba: Zwischen Körper und Kosmos

Ein sieben Meter langer Print, der erst unter UV-Licht seine volle Wirkung entfaltet, erinnert an einen geheimnisvollen Sternenhimmel. Mit „Imaginatio“ lässt Jatun Risba die Grenzen zwischen menschlichem Körper, Kosmos und Spiritualität verschwimmen. Im Zentrum der künstlerischen Forschung steht dabei ein ungewöhnliches Material: Urin. Als körpereigene Flüssigkeit wird er zum Symbol für Transformation, Erinnerung und Austausch. In einer dreitägigen Performance vom 6. bis 8. November vertieft Risba diese Auseinandersetzung mit dem Körper als lebendigem System. Die Arbeit fordert dazu auf, vertraute Vorstellungen von Reinheit, Materialität und körperlichen Grenzen neu zu hinterfragen.

„Imaginatio“ – Installation und Langzeitperformance © Karol Ana-Raimund

6. Hansel Sato: Die leisen Veränderungen des Alltags

„Stille Erosion“ – Aquarelle © Hansel Sato

Nicht jede Veränderung geschieht laut oder plötzlich – manche vollzieht sich beinahe unbemerkt. In seiner Aquarellserie „Stille Erosion“ beschäftigt sich Hansel Sato mit den feinen Verschiebungen zwischenmenschlicher Beziehungen. Familie, Fürsorge und das Leben in der Stadt bilden den Ausgangspunkt seiner Beobachtungen. Der in Peru geborene und in Wien lebende Künstler untersucht dabei auch, wie Migration und gesellschaftliche Krisen das Private beeinflussen. Seine Bilder erzählen von Nähe und Distanz, von Verantwortung und den kleinen Gesten, die Beziehungen prägen. Gerade in ihrer Zurückhaltung machen sie sichtbar, wie verletzlich menschliche Bindungen sein können.

7. Vasilena Gankovska: Ein neuer Blick auf den Sandleitenhof

Wie viel Geschichte steckt in einem Gebäude, an dem wir täglich vorbeigehen? Für ihre neue Bilderserie „Architektur der Abwesenheit“ richtet Vasilena Gankovska den Blick auf den Sandleitenhof in Ottakring. Die Künstlerin untersucht die Architektur des Gemeindebaus und die ursprüngliche Idee gemeinschaftlichen Wohnens. Dabei treffen Gesamtansichten auf einzelne Gebäudedetails, skizzenhafte Malerei auf geometrische Formen. Ihre Arbeiten machen deutlich, wie sich Orte verändern und wie unterschiedlich sie im Laufe der Zeit wahrgenommen werden. Begleitende Zeichenworkshops laden dazu ein, den Sandleitenhof selbst künstlerisch zu erkunden und vermeintlich Vertrautes neu zu entdecken.

Kostenlose Workshops „Zeichnen in Sandleiten“ begleiten das Ausstellungsprojekt:
•    Mittwoch, 18.11., 15:00–17:00 Uhr – Leitung: Vasilena Gankovska
•    Mittwoch, 25.11., 15:00–17:00 Uhr – Leitung: Hansel Sato
Anmeldung/Info: info@sohostudios.at

„Architektur der Abwesenheit“ – Malerei © V Gankovska.jpg

8. Jaskaran Singh: Kunst, die benutzt werden will

Künstlerisch-performatives Vermittlungsprogramm © Azam Shadpour Verein trivium

Kunst muss nicht immer still betrachtet werden – manchmal beginnt sie erst durch das Mitmachen zu wirken. Gemeinsam mit dem Verein trivium entwickelt Jaskaran Singh ein performatives Vermittlungsprogramm, das Besucher:innen aktiv einbezieht. Figuren, Masken und Objekte aus mehreren Jahren künstlerischer Forschung bilden den Ausgangspunkt. Sie beschäftigen sich mit Körper, Herkunft, Identität und gesellschaftlicher Sichtbarkeit. Anders als in einem klassischen Ausstellungsarchiv sollen die Objekte nicht bloß betrachtet, sondern tatsächlich verwendet werden. So wird der Ausstellungsraum zu einem Ort, an dem Wahrnehmung, Selbstbilder und gesellschaftliche Rollen spielerisch hinterfragt werden.

Kunst als Raum für neue Perspektiven

Mit „Fragile Systeme“ zeigen die SOHO STUDIOS, wie vielfältig sich die großen Fragen unserer Gegenwart künstlerisch verhandeln lassen. Zwischen persönlichen Erfahrungen und globalen Herausforderungen entsteht ein Dialog über das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Ausstellung versteht Kunst dabei nicht nur als ästhetische Erfahrung, sondern auch als Möglichkeit, andere Lebensrealitäten kennenzulernen und neue Formen des Miteinanders zu erproben.

INFO:
Eröffnung:
 5. November 2026, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 6. November bis 3. Dezember 2026
Ort: SOHO STUDIOS, Sandleitenhof, Wien-Ottakring
Kurator:innen: Marie-Christine Hartig, Hansel Sato und Ula Schneider

Carla Hoffmann
Carla Hoffmann
Redakteurin Vormagazin

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