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Donnerstag, Oktober 6, 2022

Identität und „Rasse“ entkommen wir nicht – Buchtipp von Helmut Schneider

„Geschichte eines Kindes“ von Anna Kim.

Eigentlich sind es 2 Kinder, um die es in diesem Roman geht und nicht – wie der Titel ankündigt – um eines. Denn die Erzählerin, eine Autorin aus Wien, berichtet nicht nur von einem Adoptionsfall in Wisconsin Anfang der 50er-Jahre, sondern in der Folge auch von der eigenen Kindheit als Tochter einer koreanischen Mutter und eines deutschen Vaters. In beiden Fällen geht es um Identität und tatsächlich auch um „Rasse“.

Das amerikanische Problem stellt sich folgendermaßen dar: Eine aus Österreich stammende Sozialarbeiterin setzt alle Hebel in Bewegung um den Vater eines gleich bei der Geburt von der Mutter zur Adoption freigegebenen Kindes zu finden. Denn der Bub hat „negroide Züge“ und eine dunkle Hautfarbe. Nun gab es in Wisconsin – das ist der US-Bundesstaat nördlich von Chicago – aber fast keine Schwarzen. Und die Mutter kann oder will nicht sagen, wer der Vater gewesen kein könnte. Man müsste annehmen, dass das auch völlig egal ist, zumal sich schnell eine – weiße – Familie findet, die das Neugeborene aufnehmen will. Doch die Sozialarbeiterin geht mit geradezu biblischem Eifer an die Sache heran und verfolgt die Kindesmutter so aufdringlich, dass sie bald schon Job und Untermietzimmer verliert. Ihr Argument: Das dunkelhäutige Kind würde in der weißen Gesellschaft von Wisconsin Schaden nehmen, es solle unbedingt beim mutmaßlich schwarzen Vater aufwachsen. Anna Kim zitiert seitenweise Berichte des Sozialamtes, die in ihrer Diktion an die Rassengesetze der Nazis erinnern. Schließlich wird die Sozialarbeiterin von ihren Vorgesetzten eingebremst und entlassen.

Dieser Fall auf den die Erzählerin während ihres Stipendiums in Wisconsin durch Zufall über ihre Zimmerwirtin – die Frau des damals adoptierten Buben – stößt, erinnert diese aber auch an die Probleme ihrer eigenen Kindheit, an das Aufwachsen als – asiatisch ausschauendes aber vollkommen deutsch/österreichisch sozialisiertes Kind. Auch in den USA wird sie natürlich immer über ihre Herkunft befragt. Und ihre Zimmerwirtin erklärt ihr immer wieder, wie wichtig die Herkunft sei. Ihr Mann – der einzige Afroamerikaner im Städtchen – habe sehr darunter gelitten, als einziges schwarzes Kind im Kindergarten sitzen zu müssen. Dazu kommt, dass die Eltern der Erzählerin eine schwierige Beziehung hatten und sie sich gegen die Mutter gewandt hatte, die dann wieder nach Südkorea gezogen ist.

Kim verknüpft geschickt die beiden Fälle. Die Erzählerin findet nämlich noch heraus, dass die Tochter jener Krankenschwester in Wisconsin in Wien Hietzing wohnt und auch noch gerne über ihre Mutter Auskunft gibt. Am Ende rätselt man als Leser freilich unweigerlich über den Anteil von Realität in diesem Roman, denn Anna Kim ist eben auch Tochter einer südkoreanischen Mutter und eines deutschen Vaters und ist in Österreich aufgewachsen. Der wunderbar sachlich-reflektierte Stil der Autorin lädt auf jeden Fall zum Nachdenken über Identität und das Aufwachsen als Vertreter einer Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft ein.


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