Mit offenen Augen: Warum Zivilcourage für Opfer von Straftaten wichtiger denn je ist

Jeden Tag werden in Europa Menschen Opfer von Gewalt, Betrug oder anderen Straftaten. Viele davon tragen die Folgen noch lange mit sich – oft unsichtbar für ihr Umfeld. Genau hier setzt die neue europaweite Kampagne „Mit offenen Augen“ (Eyes Open) der Europäischen Kommission an. Sie will Menschen sensibilisieren, Betroffene über ihre Rechte informieren und vor allem eines vermitteln: Hinschauen kann einen entscheidenden Unterschied machen.

Der Auftakt der Kampagne fand in Österreich beim Donauinselfest in Wien statt – dort, wo hunderttausende Menschen zusammenkommen und Gemeinschaft gelebt wird.

Jede vierte Person ist betroffen

Die Zahlen sind alarmierend: Jede vierte Person in Europa wird jedes Jahr Opfer einer Straftat. Rund 22 Millionen Menschen erleben körperliche Gewalt – häufig nicht durch Fremde, sondern im eigenen persönlichen Umfeld. Trotz dieser Realität wissen viele Betroffene nicht, welche Rechte sie haben oder an wen sie sich wenden können. Genau dieses Informationsdefizit möchte die Europäische Kommission mit ihrer neuen Initiative schließen.

Die Kampagne richtet sich dabei nicht nur an Opfer selbst, sondern auch an Familie, Freund:innen, Kolleg:innen und alle Menschen im unmittelbaren Umfeld. Denn oft sind es genau diese Personen, die erste Anzeichen erkennen und entscheidende Unterstützung leisten können.

Ein Blick, der mehr bewirken kann

Ein zentrales Element der Kampagne ist die „Mit offenen Augen“-Challenge. Personen aus dem Publikum, in diesem Fall Gäste das Donauinselfests, blickten dabei einer Person anderen aus dem Publikum möglichst lange direkt in die Augen. Influencerin, Autorin und Aktivistin Christiana Krival (aka Christl Clear) führte durch die Challenge. Über 600 Personen haben sich am Stand informiert und über 150 Personen haben mitgemacht.

Die einfache Geste steht symbolisch für Aufmerksamkeit, Empathie und Zivilcourage. Wer bewusst hinsieht, erkennt oft eher, wenn jemand Hilfe braucht. Die Botschaft dahinter ist klar: Wegschauen hilft niemandem – offene Augen können Leben verändern.

Opferrechte sind vielen jungen Menschen kaum bekannt

Begleitend zum Kampagnenstart ließ die Europäische Kommission in Österreich eine Studie unter 18- bis 30-Jährigen durchführen. Ziel war es herauszufinden, wie gut junge Menschen über Opferrechte und Unterstützungsangebote informiert sind.

Die Ergebnisse zeigen deutlichen Handlungsbedarf:

  • 55 Prozent der Befragten wissen nicht, dass Opfer von Straftaten innerhalb der Europäischen Union durch besondere Rechte geschützt sind.
  • Mehr als zwei Drittel fühlen sich mit diesen Rechten nicht ausreichend vertraut.
  • Gleichzeitig würden 91 Prozent Betroffenen empfehlen, professionelle Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen.

Die Bereitschaft zu helfen ist also groß – häufig fehlt jedoch das Wissen darüber, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt.

Opferrechte stärken heißt Gesellschaft stärken

Die Kampagne basiert auf der EU-Strategie für Opferrechte, deren Ziel es ist, die Grundrechte von Opfern europaweit besser zu schützen und ihre Unterstützung nachhaltig auszubauen. Die Europäische Kommission arbeitet derzeit an einer Verlängerung dieser Strategie.

Straftaten können tiefgreifende und anhaltende Auswirkungen auf Opfer haben. Sie müssen gehört, unterstützt und während ihres gesamten Weges durch das Strafjustizsystem mit Respekt und Fairness behandelt werden. Dafür braucht es sowohl starke gesetzliche Rahmenbedingungen und politische Maßnahmen als auch das aktive Engagement der gesamten Gesellschaft. Nur so können Opferrechte auch tatsächlich greifen. Die Kampagne ‚Mit offenen Augen‘ soll das Bewusstsein für Opferrechte stärken und Bürgerinnen und Bürger dazu ermutigen, ein unterstützendes Umfeld für Betroffene zu schaffen. Wachsamkeit und Bewusstsein sind wichtige Schritte, um Schutz, Unterstützung und Gerechtigkeit für alle Opfer zu stärken.“

erklärt Michael McGrath, EU-Kommissar für Demokratie, Justiz, Rechtsstaatlichkeit und Verbraucherschutz.

Hilfe beginnt mit Information

Wer Opfer einer Straftat wird, befindet sich oft in einer emotionalen Ausnahmesituation. Umso wichtiger ist es zu wissen, dass es Unterstützung gibt – von rechtlicher Beratung über psychosoziale Begleitung bis hin zu spezialisierten Opferschutzeinrichtungen.

Genau hier setzt „Mit offenen Augen“ an: Die Kampagne macht bestehende Hilfsangebote sichtbar, informiert über Rechte und ermutigt Betroffene ebenso wie ihr Umfeld, Unterstützung frühzeitig anzunehmen. Denn eine Gesellschaft zeigt ihre Stärke nicht nur darin, wie sie Straftaten verfolgt – sondern auch darin, wie sie jene begleitet, die davon betroffen sind. Mit offenen Augen hinzusehen, zuzuhören und Hilfe anzubieten, ist oft der erste Schritt auf dem Weg zurück zu Sicherheit und Vertrauen.

INFO:
victims-rights.campaign.europa.eu

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