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Montag, August 15, 2022

Muttertag

VORsingen zum Muttertag hab ich dem Gedichtaufsagen schon immer vorgezogen. Beim Gedichtaufsagen, Gedichtaufsagenzuhören und -zuschauen hat sich bei mir nämlich seit frühester Kindheit eine Art Fremdschämen eingestellt. Obwohl doch angeblich soo süüß, wenn so ein Kindlein dem Muatterl* ein Gedichtlein aufsagen tut. Ja eh, aber weniger süß, wenn sich dann dieses Mein-Gott-ist-das-peinlich-Gefühl einstellt, obwohl man das doch gar nicht will. Fremdschämen hat angeblich mit irgendeiner frühkindlichen Miss-Dings zu tun. Blöd, ich hab es auch zum Teil bei der Karlich, meine 88-jährige Mutti aber auch. Vielleicht hab ich das ja schon geerbt! Schlechtes Gedichtaufsagen-Fremdschäm-Karma. Jedenfalls durfte ich als Kind zum Glück ein Liedlein singen oder einen Witz erzählen. Ist mir einfach leichter gefallen und ich hab mich nicht schämen müssen. Und zum Glück war meine Mutter schon von jeher gegen Kinderarbeit am Muttertag. Deshalb hab ich auch nicht dürfen der Mutti ein Muttertagsfrühstück ans Bett bringen. Weil sie hat gemeint: „Die Mutter soll man das ganze Jahr ehren, und ihr nicht sinnlos am Muttertag-Morgen das Gschirr zamhaun!“ Und ich hab’s meinen Töchtern auch verboten und die in Kindergarten und Schule gebastelten rosa Herzerl-Frühstück-im-Bett-Gutscheine gnadenlos verfallen lassen. Aber bitte lasst’s euch von mir nicht das Gedichtaufsagen und Muttertagsfrühstück madig machen.

*Muatterl ist ein alt-steirischer Begri , kommt heute noch in „Muatterl- Schnellstraße“ vor!

Patricia Simpson ist Sängerin, Entertainerin, Schauspielerin, Kabarettistin, Komponistin und stellvertretende Institutsleiterin am ipop der Uni Wien.

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