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Donnerstag, Dezember 8, 2022

Nach dem Tod geht’s in der Bitwelt munter weiter

Helmut Schneiders erster Buchtipp im neuen Jahr: Neal Stephensons fast 1200 Seiten lange Zukunftsvision„Corvus“.

An der amerikanischen Westküste liebäugeln bekanntlich Milliardäre schon lange mit dem Gedanken, dem Tod seinen Stachel zu ziehen und in irgendeiner Form weiterzuleben. Es müsste doch möglich sein das, worauf es ankommt, nämlich unsere Gedanken und Gefühle quasi auf eine Festplatte zu laden und zu konservieren. Der amerikanische Cyberpunk-Autor Neal Stephenson, der auch schon für Jeff Bezos beratend tätig war und selbst Softwarefirmen gegründet hat, ist für Romane mit epischer Breite bekannt. In seinem neuesten Werk beschäftigt er sich nun in aller Ausführlichkeit mit der Frage nach der Möglichkeit eines digitalen Weiterlebens nach dem Tod. Nun, es ist wirklich erstaunlich, welche Probleme sich abseits der Tatsache, dass so etwas zur Zeit noch nicht möglich ist, da auftun.

Der Roman „Corvus“ beginnt mit dem unerwarteten Tod des schwerreichen Videogame-Unternehmers Richard Forthrast, genannt Dodge, bei einer Routineoperation in Seattle. Dieser hatte nämlich verfügt, dass sein Gehirn für eine Transformation in die Computerwelt konserviert und vorbereitet werden soll und einen Vertrag mit der Firma des gerissenen Unternehmers El Shepherd abgeschlossen. Dank der Entwicklung von Quantencomputern wird das schließlich auch möglich und Dodges Nichte Sophia wird als einzige dazu berechtigt, das Gehirn ihres Onkels hochzufahren. Die Lebenden wissen allerdings niemals genau, was sich fortan in der Bitwelt abspielt, sie sehen nur die Verbindungen, die die einzelnen Toten – Dodge war nur der erste, das Weiterleben wird bald zum Geschäftsmodell – miteinander eingehen. Als Leser ist man da besser dran, denn gut die Hälfte des Romans spielt eben eben dort im Bit-Universum und bald wissen wir – die Verstorbenen kommen mitnichten ins Paradies (der englische Originaltitel des Romans „Fall, or, Dodge In Hell“ verheißt ja schon nichts Gutes), die ganze Misere des Struggle for Life setzt sich im Jenseits fort, Kriege inbegriffen.

Interessant sind aber Details, denn irgendwann überlegen die Lebenden etwa, wie sie das elektronische Leben etwas herunterfahren können, nachdem bereits die Hälfte ihrer Serverfarmen mit der Aufrechterhaltung der jenseitigen Aktivitäten blockiert sind. Lustig ist auch wie der Schurke El die ganze Nation spaltet, indem er einen Atomangriff auf eine unbedeutende amerikanische Stadt im Hinterland inszeniert – einfach dadurch, dass er die Onlineverbindungen des Städtchens kappt. Schließlich glauben viele in den USA nicht einmal den Bewohnern selbst als diese erzählen, dass in der Stadt mit Ausnahme eines Serverausfalls nichts passiert ist. So einfach wird ein Unfall zu einer Glaubenssache.

Im Mittelpunkt des Romans steht natürlich Corvus – Forthrasts treuer Mitarbeiter und Erbeverwalter, dem es mit allerlei Tricks gelingt, immer die Fäden in der Hand zu halten. Zwischenzeitlich verliebt er sich in eine behinderte Kletterin und Start-up-Gründerin. Das ist immer gute Unterhaltung mit Fragen, die sich und vielleicht einmal stellen werden. Die Kämpfe in der Bitwelt, die in einer Art getragener Märchensprache geschildert werden, hätten allerdings stark gekürzt werden müssen.


Helmut Schneiders erster Buchtipp im neuen Jahr: Neal Stephensons fast 1200 Seiten lange Zukunftsvision„Corvus“.

Neal Stephenson: Corvus
Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller
Goldmann Verlag
ISBN: 978-3-442-31542-0
1150 Seiten
€ 30,90

Hier entlang zum letzten Buchtipp!

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