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Dienstag, Dezember 6, 2022

Ophelia darf nicht platzen

Bild: ©Carina Antl

Barbara Kaudelka über Shakespeares Hang zum Grünzeug.

Ich liebe Blumen. Das ist übrigens eine Eigenschaft, die ich mir mit Shakespeare teile. Der gute William war nicht nur ein dramatischer Genius, sondern auch ein brillanter Botaniker, der seine Fachkenntnis der Pflanzenkunde mannigfaltig in seine Werke einfließen ließ. Im elisabethanischen England war es gang und gäbe, dass das Volk im Wissen über Heil oder Tod bringende Wirkung von Pflanzen und Kräutern durchaus beschlagen war, stellte die Flora doch das damals weithin einzig verfügbare medizinische Instrumentarium dar. So wurde die Symbolik der Pflanzen, die Shakespeare in seine Stücke einbaute, von seinem Publikum verstanden.

Heutzutage ist uns kaum noch geläufig, wofür etwa Alraunen oder Mispeln stehen. Harry-Potter-Fans ausgenommen, die kennen erstere als Zauberwurzel. Die Mispelfrucht kommt etwa in Romeo und Julia vor und ist eine recht derbe Anspielung darauf, was südlich des Bauchnabels anatomisch gesehen die Damenwelt kennzeichnet. Heil- und Giftpflanzen spielen in Shakespeares Stücken oft eine wichtige Rolle, sie dienen als poetische Kulisse für Liebe, Sexualität oder humorige Doppeldeutigkeiten. Aber auch als handfeste Mittel zum Zweck – so war etwa im Staate Dänemark spätestens dann was faul, als Hamlets königlicher Vater mit einigen Tropfen des Bilsenkrauts vergiftet wurde. Auch Hamlets unglückliche Liebe, Ophelia, wählt in ihrem Geisteswahn die Sprache der Natur; sie verteilt kurz vor ihrem Tode Stroh, das sie für Pflanzen und Blumen hält, etwa Rosmarin, Akelei und Raute, die für Treue, verlassene Liebe und Reue stehen.

Oh, das erinnert mich an eine Theateranekdote! Stellen Sie sich eine blutjunge Schauspielerin vor, recht frischgfangt, wie man so schön sagt. Jenes junge Bühnengemüse verkörperte also im Hamlet die Ophelia. Vorhang auf, alles läuft gemäß Shakespear’scher Feder: Sie liebt, sie leidet, sie verfällt dem Wahn, sie ertrinkt. Die Inszenierung sieht vor, dass die frisch verblichene Ophelia auf die Bühne getragen wird; dort liegt sie aufgebahrt, während sich alle Figuren um sie scharen, die Begräbnis-Szene beginnt. Die Protagonisten legen der Reihe nach Blumen auf den „Leichnam“, die junge Schauspielerin verharrt regungslos, flach atmend, bemüht, den Schein der Leblosigkeit zu wahren. Womit sie nicht gerechnet hatte, war, dass die Blumen, die in jener Vorstellung als Requisite dienten, wohl von den echten Blumensträußen übrig geblieben waren, die die Schauspielerinnen üblicherweise zur Premiere überreicht bekommen.

Grande finale: Das nicht mehr taufrische Bouquet zerbröselte, der Blütenstaub rieselte und fand seinen Weg in die Nase der dahingeschiedenen Ophelia, die sich daraufhin ihrem posthumen Niesanfall ergeben musste. Seit dem freundlichen „Zum Wohl!“ aus der zweiten Reihe bestehe ich auf Kunstblumen, wenn ich mal wieder den Bühnentod sterben muss.


Barbara Kaudelka

Barbara Kaudelka ist Schauspielerin, Tonstudiosprecherin und Medienmensch.

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