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Freitag, März 1, 2024

Wien ist die Stadt der Kultur – Interview mit Michael Ludwig

Bild: ©Stefan Joham

Im Interview mit dem vormagazin sichert Bürgermeister Michael Ludwig den Wiener Kulturhäusern Unterstützung zu und betont zugleich die Bedeutung von Kultur und Bildung.

vormagazin: Wie bedeutend ist ein funktionierender Kulturbetrieb für Wien?

Wien ist eine der großen Kulturhauptstädte mit einem sehr dichten Netz an Kultureinrichtungen. Das wird auch von der Bevölkerung, aber auch von den vielen Gästen sehr geschätzt. Daher ist es wichtig, dass man in schwierigen Zeiten diese Institutionen unterstützt. Das haben wir in Wien gleich zu Beginn der Corona-Krise gemacht. Wir haben etwa ein dichtes Netz an Kunst- und Kultur-Stipendien entwickelt, wo wir Künstlerinnen und Künstlern wirtschaftlich unter die Arme greifen konnten.

Es ist wichtig, dass wir gerade jetzt wo die Corona-Krise nicht nur als eine Gesundheitskrise, sondern auch eine Krise des Wirtschaftsstandortes tief eingreift in die Rahmenbedingungen der Kulturinstitutionen, die Künstlerinnen und Künstler weiter unterstützen. Gerade jetzt wo die Energiepreise hoch sind und die steigende Inflation insbesondere Klein- und Mittelbetriebe in der Kunstszene wirtschaftlich sehr stark fordert. Wir haben versucht, mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen die Rahmenbedingungen für Kultur zu verbessern. 

Momentan stehen viele vor dem Dilemma: Heizen muss ich, ins Theater gehen muss ich aber nicht. Gleichzeitig haben die Kulturhäuser auch höhere Kosten. Was wäre die Lösung, Karten verschenken kann sich auch niemand leisten?

Wir haben in Wien ein sehr dichtes Angebot an kostenfreien Kunst- und Kulturveranstaltungen – vom Kultursommer bis hin zu Freizeitangeboten mit künstlerischen Darbietungen aus den verschiedensten Sparten wie das Donauinselfest – ein wahrscheinlich dichteres Netz an kostenfreien Kulturerlebnissen als andere Städte. Wichtig ist aber auch, mit einem Unterstützungspaket Kunstinstitutionen bei den stark steigenden Energiepreisen zu unterstützen.

Die Wiener Festwochen suchen eine neue Leitung – wäre da nicht ein breiteres Programm wünschenswert?

In einer Stadt wie Wien, wo es ganz unterschiedliche Kulturveranstaltungen gibt, muss sich ein Programm der Festwochen immer wieder neu definieren und sich überlegen, in welchen Teilbereichen der Kulturszene macht es Sinn, mit Festwochen pointiertere, zugespitztere Veranstaltungen einzubringen. Denn das Angebot während des ganzen Jahres ist in Wien ein so vielfältiges und breites wie in keiner anderen Stadt. Deshalb müssen sich die Wiener Festwochen immer wieder neu erfinden. 

Corona war eine Katastrophe für den Bildungsbereich. Haben Sie Angst, dass schwache Schülerinnen und Schüler jetzt zurückbleiben? 

Nein, ich bin überzeugt, dass das abgewendet werden kann. Es gibt natürlich negative Entwicklungen, aber Krisen haben auch positive Auswirkungen – eine davon ist sicher, dass die Digitalisierung im Lehrbetrieb stärker Fuß gefasst hat und dass man jetzt schon sehr früh Kinder auf die Herausforderungen des technischen Wandels vorbereitet. Klar ist aber auch, dass sozialer Kontakt durch nichts ersetzt werden kann – das Lernen in einer Gruppe, einer Schulklasse und vorher schon im Kindergarten ist etwas ganz Wichtiges.

Das ist auch der Grund, dass wir in Wien seit mehr als zehn Jahren als erstes Bundesland überhaupt einen kostenfreien Kindergarten anbieten. Wir haben auch als einziges Bundesland im Rahmen von kostenfreien Ganztagsschulen eine Verschränkung von Unterricht und Freizeit. Es bestehen bereits 85 Standorte und wir werden das laufend erweitern. Als Wiener Bürgermeister ist mir nämlich bewusst, dass Bildung schon im Kindergarten beginnt und die Kindergärten nicht einfach eine Aufbewahrungsstätte für Kinder sind. In Wien ist Bildung ein Lebensprogramm, beginnend mit Kindergarten, Schule, Studium und Berufsausbildung bis zum lebenslangen Lernen etwa in den Volkshochschulen.

Wien soll ja auch eine Stadt der Studentinnen und Studenten sein …

Ja, wir sind der größte Universitätsstandort im deutschsprachigen Raum. Bei uns gibt es etwa 200.000 Studierende in neun Universitäten, sechs Privatuniversitäten und fünf Fachhochschulen. Das macht sicher auch das besondere Flair unserer Stadt aus – wenn man bedenkt, dass zehn Prozent der gesamten Bevölkerung aus Studentinnen und Studenten besteht. 

Die Kulturtechniken wie Lesen sind für alle wichtig – es gibt aber noch immer trotz Schulpflicht viele -Analphabeten. Was kann die Stadt da tun? 

Das ist ein ganz wichtiges Thema – auch weil es immer noch stigmatisiert ist. Die Wiener Volkshochschulen bemühen sich bereits seit Jahrzehnten mit einem sehr niederschwelligen Angebot um diese Zielgruppe. Aber auch die großartige Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“ weckt – indem 100.000 Gratisbücher verteilt werden – das Interesse am Lesen. Ich werde auch niemals müde zu erwähnen, dass es wichtig ist, sich die Bücher in Buchhandlungen zu kaufen und nicht online bei internationalen Konzernen.

Wien ist die Stadt in Europa mit dem dichtesten Netz an Buchhandlungen – und wer auch in Zukunft die gute Beratung durch die Buchhändlerinnen und Buchhändler genießen will, sollte auch die Infrastruktur dadurch unterstützen, dass man die Bücher dort kauft. 

Gelingt es Ihnen als Bürgermeister noch, zu Kulturveranstaltungen zu gehen?

Ich würde mir natürlich wünschen, zeitlich mehr Möglichkeiten zu haben, aber zuletzt war ich zum Beispiel bei der Buch Wien, um zahlreiche Stände und Diskussionen zu besuchen. Ich nutze jede Gelegenheit, um mit Autorinnen und Autoren in Kontakt zu sein. Zuletzt durfte ich in der Josefstadt die Aufführung „Der Wald“ mit den Direktoren Föttinger und Meyer sehen und konnte bei „Christmas in Vienna“ sowie bei der ersten Aufführung der Wiener Symphoniker und der Wiener Sängerknaben im Stephansdom dabei sein. 


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