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Samstag, Juli 2, 2022

„Wir fangen wieder bei null an!“ – Interview mit Kay Voges

Bild: ©Arman Rastegar

Eigentlich ist Kay Voges ja schon seit 2020/21 Direktor des Volkstheaters. Doch Covid-19 setzte dem Spielablauf und der Auslastung ordentlich zu. Jetzt will er so richtig losstarten.

Wenn man sich so umhört, haben viele in Wien das Volkstheater gedanklich schon abgeschrieben. Nach den Persönlichkeiten Emmy Werner und Michael Schottenberg, die ihre Vorstellung eines Theaters, das nicht nur für Eliten interessant sein soll, umsetzten, gelang es Anna Badora niemals, ein Profil zu entwickeln. Die Besucherzahlen im seit Jahrzehnten chronisch unterdotierten Theater sanken. Mit der Saison 2020/21 sollte dann der am Schauspiel Dortmund erfolgreiche Direktor Kay Voges dem Haus wieder Richtung geben – allein die Pandemie verhinderte einen echten Neustart. Und das obwohl das Haus nach der dringend notwendigen Renovierung glänzt wie noch nie. Nun: Die ersten heurigen Premieren, die Kaiserin-Elisabeth-Revue „Ach, Sisi“ und der Ernst-Jandl-Abend „humanistää!“ waren schon einmal vielversprechend und machten dem Publikum Spaß.

Kay Voges ist seit 2020/21 Direktor des Volkstheaters. Doch Covid-19 setzte dem Spielablauf und der Auslastung ordentlich zu – bis jetzt.
Vielversprechend: Der Ernst-Jandl-Abend „humanistää!“ im Volkstheater. – ©Nikolaus Ostermann/Volkstheater

vormagazin: Was war das für ein Gefühl, im Wiener Volkstheater anzufangen?

Kay Voges: Es war ein bisschen so, wie wenn man in ein Flugzeug einsteigt – man rollt schon auf der Startbahn, hebt ab und nachdem man ein paar Kilometer geflogen ist, dreht das Flugzeug wieder um und man sitzt wieder im Flughafen. Wir hoffen aber doch, dass wir diesmal eine längere Strecke fliegen können. Im Vorjahr spürten wir auch, dass die Menschen nicht in der Stimmung waren, etwas Neues auszuprobieren. Nun ist das Volkstheater zwar 130 Jahre alt, aber wir waren – durch die Sanierung und die Lockdowns – 20 Monate mehr oder weniger geschlossen. Wir fangen jetzt praktisch bei null wieder an. Durch die Pandemie haben wir noch dazu sehr viele Abonnenten verloren. Es gilt jetzt, den Menschen ein gutes Angebot zu machen und sie zurückzuholen – und das in einer Zeit, die sich noch immer wie ein Ausnahmezustand anfühlt. Ich fürchte, wir brauchen Geduld und eine klare Unterstützung vonseiten der Politik, damit diese Pandemie nicht eine jahrhundertealte Theatertradition zerstört.

Die großen Konkurrenten sind ja nicht andere Wiener Theater, sondern Netflix und Co, oder?

Ich glaube – und das höre ich auch von vielen Besucherinnen und Besuchern –, man hat es sich in den letzten Monaten gemütlich gemacht und hat gemerkt, dass das heimische Sofa und Netflix auch eine Möglichkeit sind, um abends in eine Geschichtenwelt einzutauchen. Das Besondere am Theater ist allerdings dieses kollektive Live-Erlebnis. Theater findet nur in dem einen unwiederbringlichen Augenblick statt, wenn sich Darsteller und Zuschauer den Raum teilen. Aber ich gebe zu – einige haben das vergessen, zumal Gemeinschaft ja geradezu zu einem angsteinflößenden Begriff geworden ist. Aber der Mensch ist ein soziales Wesen, das Freude und Spannung teilen will.

Der Erfolg von Streamingdiensten liegt in ihrer Bequemlichkeit. Man könnte doch im Theater Polstermöbel aufstellen – mit richtig viel Platz und guter Gastronomie

Aus den Theatern Gourmettempel zu machen, finde ich einen schönen Gedanken, denn ich versuche ja immer, ein großartiges Menü für unsere Gäste zu kreieren. Ein Menü aus Unterhaltung mit einer Prise Tiefsinn, damit man auch was zu beißen hat, und so gut gewürzt, dass es alle Sinne anregt. Wir bieten ein kulinarisches Angebot für die Seele, für den Geist und für den Körper. Aber Theater ist einfach ein Event, zu dem man hingehen muss – und das wird auch so bleiben. Theater ist Gesamterlebnis – dazu gehören auch das Zusammenkommen vor dem Haus und in der Pause und die Freude darauf, nach der Vorstellung noch etwas trinken zu gehen. 

Wie geht es dem Volkstheater in den Bezirken?

Auch dort mussten unsere Abonnenten in der Corona-Pandemie einiges erleiden – wir mussten Touren komplett absagen oder verschieben, aber die Zahlen sind stabil geblieben. Der Monolog „Heldenplätze“ mit Gerti Drassl ist ganz herausragend gut beim Publikum angekommen. 

Das deutsche Publikum kann es bekanntlich auch sehr herb. Ist das Wiener Publikum zahmer?

Das würde ich so nicht sagen – die Begeisterungs- und Empörungshöhen sind relativ vergleichbar. Die Wiener können schon auch dauerhaft granteln und unzufrieden sein. Ich denke, sowohl Skepsis als auch kindliche Neugier gehören beim Theater einfach dazu.


INFO
Arthur-Schnitzler-Platz 1, 1070 Wien
volkstheater.at

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