Wiener Festwochen 2026: Republic of Gods – Ein heiliger Frühling für neue Mythen

Beitragsbild: © wfw26

2026 feiern die Wiener Festwochen ihr 75-jähriges bestehen – und erklären die Stadt Wien zur Republic of Gods. Vom 15. Mai bis 21. Juni verwandelt sich Wien in eine Bühne für alte Mythen, neue Gottheiten und radikale Kunst. 35 Produktionen – darunter 13 Weltpremieren –, 21 partizipative Projekte bei freiem Eintritt und drei Ausstellungen bespielen 34 Orte in der ganzen Stadt.

Heilige Texte, wilde Fragen

Von der Ilias bis zur Nibelungensage, vom arabischen Banū Hilāl-Epos bis zu Wagners Parsifal: Welche Mythen prägen uns heute noch? Und sind Allah, Jahwe oder Thor kulturelle Relikte – oder Projektionsflächen unserer Gegenwart?

Die Republic of Gods ruft einen „Heiligen Frühling“ aus – eine Feier zwischen Gotteskritik und Gottessehnsucht. Es geht um religiöse Narrative, politische Macht, Popkultur und um die Frage, welche neuen Gött*innen wir vielleicht erfinden müssen.

Intendant Milo Rau und Geschäftsführerin Artemis Vakianis präsentierten das Programm der 75 Jahre Wiener Festwochen am 26. Februar 2026 um 10 Uhr auf dem Badeschiff – dem künftigen Haus der Republik. © Franzi Kreis

Radikale Kunst als Glaubensbekenntnis

Die Jubiläumsproduktion „Das beste Stück aller Zeiten“ von Milo Rau wird zur großen Revue aus 75 Jahren Festwochen – zwischen Skandal, Schönheit und Revolte.

Internationale Ikonen und künstlerische Grenzgänger*innen prägen das Programm: Die „Godmother of Punk“ Patti Smith lädt zu drei Events, Performance-Legende Narcissister trifft auf Regie-Ikone Romeo Castellucci. Susanne Kennedy unterzieht Wagners Parsifal einer spirituellen Neuerfindung. Eine Einzelausstellung im MAK widmet sich dem Mythomanen Christoph Schlingensief. Und selbst Festwochen-Mythos Robert Wilson kehrt posthum mit einer seiner letzten Arbeiten zurück.

Glauben auf dem Prüfstand

Im „Glaubenstribunal“ verhandeln drei spektakuläre Fälle die dunklen Seiten religiöser Macht: Wenn Kirche und Staat verschmelzen. Wenn Gottesstaaten ihre Bürger*innen unterdrücken. Wenn säkulare Gesellschaften religiöse Gefühle ignorieren. Kunst wird hier zur öffentlichen Debatte – kompromisslos, diskursiv, international.

Mythen rebooted

Ob Vampir-Mythos, Wilder Westen oder postkoloniale Venus-Erzählung – kein Narrativ bleibt unangetastet. Künstler*innen aus Europa, Asien, Afrika und Amerika schreiben alte Geschichten neu und stellen die Machtstrukturen dahinter infrage.

Das Kyjiwer Kollektiv „Opera Aperta“ fragt, wie Musiktheater im Angesicht von Krieg bestehen kann. Die Wiener Gruppe Nesterval entwirft mit „Wallen“ eine postapokalyptische Kommune. Und mit „Mythen des Alltags“ entsteht ein Epos aus den spirituellen Momenten der Wiener*innen selbst.

75 Jahre Festival-Mythos

Im Zentrum steht 2026 auch die Geschichte der Festwochen selbst. Seit 1951 prägt das Festival Wiens kulturelle DNA – als Ort der Avantgarde, des politischen Anspruchs und der internationalen Vernetzung. Ein umfassendes Online-Archiv, ein „Kino der Republik“ mit historischen Aufzeichnungen, eine Plakatausstellung und ein neuer Dokumentarfilm öffnen das Gedächtnis des größten Crossover-Festivals Europas.

© Marc Driessen

Milo Rau, geboren 1977 in Bern, ist Intendant der Wiener Festwochen | Freie Republik Wien. Der Regisseur und Autor hat über 100 Theaterstücke, Filme, Bücher und Aktionen veröffentlicht. Seine Theaterproduktionen wurden auf allen großen internationalen Festivals gezeigt, darunter das Berliner Theatertreffen, das Festival d’Avignon, die Biennale von Venedig, die Wiener Festwochen und das Kunstenfestivaldesarts in Brüssel, und waren in über 30 Ländern weltweit auf Tournee.

Diskurs, Clubkultur, Komponist*innen

Auf dem Badeschiff wird diskutiert, performt und gefeiert: In den Reihen „Holy Spring“ und „Mythical Ark“ treffen Endzeitprediger*innen auf Gottessucher*innen. Die Festwochen-Band „Gods Republic“ spielt fünf Konzerte zwischen Death Metal und Spiritual Folk.

Die Akademie Zweite Moderne versammelt erneut zehn führende Komponist*innen aus aller Welt in Wien – mit einem Gipfeltreffen zu Fragen von Aneignung und musikalischer Autorschaft.

It’s Time for New Gods

Die Freie Republik Wien bleibt auch im Jubiläumsjahr kämpferisch und selbstkritisch. Ihr republikanisch-anarchischer Leitsatz lautet:

„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.

Oder, anders formuliert: It’s Time for New Gods – von allen für alle.

INFO:
15. Mai bis 21. Juni 2026
an 24 Orten in ganz Wien
Zum Programm

Carla Hoffmann
Carla Hoffmann
Redakteurin Vormagazin

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