Beitragsbild: Cornelia Travnicek zu Besuch bei der vormagazin-Redaktion: „KI ist eine Sprachwahrscheinlichkeitsmaschine – was an menschlicher Erfahrung noch nicht aufgeschrieben ist, wird sie niemals kreieren.“ © Stefan Diesner
Die Gratisbuchaktion bringt 27 Geschichten ausschließlich von Autorinnen. Cornelia Travnicek – eine von ihnen – im Interview.
„Eine STADT. Ein BUCH.“ feiert heuer ein 25-Jahre-Jubiläum. Mit originären Kurzgeschichten von 27 in Wien lebenden oder mit der Stadt verbundenen Autorinnen. Eine davon ist Cornelia Travnicek, die 2012 mit ihrem ersten Roman „Chucks“ schlagartig bekannt wurde. Die Geschichte über ein auf der Straße lebendes Mädchen, das sich in einen Todkranken verliebt, kam 2015 auch als Film heraus. Travniceks Arbeit ist aber ungemein vielfältig: Sie schreibt Gedichte und Kurzgeschichten, übersetzt aus dem Chinesischen (sie studierte Sinologie und Informatik) und ist halbtags an einer Wiener Forschungseinrichtung mit Virtual Reality beschäftigt. Heuer erschien ihr Roman „Ich erzähle von meinen Beinen“ (Picus), in dem es um die Mutter eines Mädchens mit ADHS geht, die nach mentaler Überforderung selbst psychische Störungen entwickelt.
vormagazin: Wie sind Sie zur Autorin geworden?
Cornelia Travnicek: Ich komme aus einem Haushalt mit vielen Büchern. Schon früh war ich von diesen Zeichen, den Buchstaben, fasziniert, und wollte unbedingt noch vor der Schule lesen lernen. Das konnte ich schnell und bald war ich eine der besten Kundinnen der Stadtbibliothek. Dort habe ich auch erste kleine Reimgedichte geschrieben. Mit 13 Jahren las ich dann Bücher wie den Steppenwolf, die ich natürlich nicht ganz verstanden habe. Es war ähnlich wie bei Musikern, die zum ersten Mal ein Instrument hören, das sie spielen möchten. Da macht es Klick, und man denkt: Ja, genau das möchte ich können. Und ich dachte: Ich möchte die Sprache spielen können. Dieses Instrument Sprache möchte ich beherrschen. Eben nicht nur rezipieren, sondern auch produzieren und andere Menschen auf die gleiche Weise berühren, wie es die Literatur bei mir gemacht hat.

„Eine Geschichte, in der die Stadt das Papier ist, auf dem sie geschrieben wird.“ -Cornelia Travnicek
Ihr fünftes Buch „Chucks“ war sehr erfolgreich, doch Sie haben sich nie auf ein Genre festlegen lassen…
Ja, „Chucks“ wurde sogar Schullektüre. Bei mir gehen die Geschichten eigentlich immer von den Personen aus; die Struktur und die Atmosphäre des Buches hängen daher stark von der Hauptfigur ab. Das geht ja auch gar nicht anders. Ich habe ganz unterschiedliche Figuren in komplett unterschiedlichen Lebenssituationen. Deshalb müssen sie alle anders klingen.
Bei „Ich erzähle von meinen Beinen“ geht es um Neurodivergenz: Formen von ADHS, Autismus, Menschen, die die Welt anders wahrnehmen …
Dafür fehlt der Gesellschaft noch ein tieferes Verständnis. Doch es geht nicht nur um Neurodivergenz. Meine Figur ist in der Perimenopause. Wenn die Östrogenproduktion im Körper nachlässt, können ADHS-ähnliche Symptome auftreten. Auch traumatische Erlebnisse wie eine Geburt können solche Störungen auslösen. Behandelt wird weiters das Thema Burnout. Dabei stellt sich die Frage: Was war vorher? Entsteht die Überlastung durch die Neurodivergenz?
Es geht so weit, dass Ihre Figur bewusst gehen, blinzeln und atmen muss. Das erschien mir etwas skurril, oder?
Ich dachte, das sei eine gute literarische Metapher, aber kurz nach meinem Buch erschien „Hummelhirn“ von Judith Holofernes, in dem sie beschreibt, dass sie als Symptom von Neurodivergenz nicht mehr gehen konnte. Und ich habe im Netz auch Videos von Menschen gefunden, die nicht mehr blinzeln konnten.
In Ihrer Kurzgeschichte für „Eine STADT. Ein BUCH.“ geht es um eine Wiener Kanalarbeiterin. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Ich wollte eine Geschichte schreiben, in der die Stadt das Papier ist, auf dem sie geschrieben wird. Und dann bin ich eben auf eine Kanalräumerin gestoßen, die es in Wien in der Realität allerdings noch nicht gibt. Ich habe mich in das Thema eingelesen. Meine Figur ist an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem sie keine Menschen mehr erträgt. Da stellt sich die Frage: Wo ist mehr Scheiße – oben oder unten? Und für meine Figur sind Kanäle einfach schön.
Sie sind als Informatikerin vom fach: Wird KI die Literatur verändern?
Wir sprechen hier von LLMs, also Large Language Models. Das sind Sprachwahrscheinlichkeitsmaschinen. Wenn es ein Buch wie „Ich erzähle von meinen Beinen“ bisher noch nicht gab, ist es unwahrscheinlich, dass es durch eine KI entstehen würde. Eine Kollegin testet ihre Ideen immer mit KI. Wenn die KI die Idee auch ausführen könnte, lässt sie sie wieder fallen.
GRATISBÜCHER SEIT 25 JAHREN
Die vom echo medienhaus umgesetzte Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“, die 100.000 Wiener*innen jedes Jahr kostenlosen Lesegenuss verschafft, feiert 2026 ihr 25-jähriges Jubiläum mit 27 Kurzgeschichten von 27 Autorinnen. Texte gibt es von Annemarie Andre, Theodora Bauer, Kirstin Breitenfellner, Nadja Bucher, Milena Michiko Flašar, Valerie Fritsch, Susanne Gregor, Petra Hartlieb, Monika Helfer, Maja Iskra, Julia Jost, Gabriele Kögl, Verena Levin, Chris Lohner, Beate Maly, Elena Messner, Lydia Mischkulnig, Hannah Oppolzer, Silvia Pistotnig, Petra Piuk, Erika Pluhar, Barbara Rieger, Andrea Roedig, Isabella Straub, Cornelia Travnicek, Anna Weidenholzer und Renate Welsh. „Eine STADT. Ein BUCH.“ dankt allen Partnern wie Wien Energie und Stadt Wien für ihre Unterstützung!
INFO:
einestadteinbuch.at

Das diesjährige Gratisbuch „27 Kurzgeschichten aus Wien. Von 27 Autorinnen.“ wird am 19. November im Wiener Rathaus präsentiert.



