Beitragsbild: (v.l.n.r.) Helmut Schneider (Moderator des Abends und Herausgeber wienlive), Emanuela Sarac (Ausschussmitglied Fachgruppe Werbung), Lukas Fliszar (Vorsitzender Fachgruppe Werbung), Eva Kaiser (CIO der ÖBB-Infrastruktur), Anouk Rehorek (Ausschussmitglied Fachgruppe Werbung). © Elisabeth Lechner
Beim ersten Café Creativ 2026 traf Wiener Kaffeehauskultur auf künstliche Intelligenz: ÖBB-Infrastruktur-CIO Eva Kaiser sprach im Café Frauenhuber über digitale Transformation, zeitgemäße Führung und die Frage, warum Fortschritt nur gemeinsam funktioniert.
Der Vortragssaal des Café Frauenhuber war am 03. September bis auf den letzten Platz gefüllt. Wo sonst Melange serviert und Zeitung gelesen wird, geht es um nichts weniger als die Arbeitswelt von morgen. Das erste Café Creativ 2026 der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation Wien bringt ein Thema ins Kaffeehaus, das längst in jedem Büro, jedem Betrieb und beinahe jedem Bewerbungsgespräch angekommen ist: Wie wollen wir im digitalen Zeitalter arbeiten?

Unter dem Titel „New Work, neue Verantwortung: Arbeit im digitalen Zeitalter“ diskutiert Moderator Helmut Schneider mit Eva Kaiser, CIO der ÖBB-Infrastruktur. Es ist ein Gespräch über künstliche Intelligenz und flexible Arbeitsmodelle, aber vor allem über Menschen – und darüber, was sie brauchen, um Veränderungen nicht bloß auszuhalten, sondern aktiv mitzugestalten.
Die Maschine sortiert, der Mensch entscheidet
Künstliche Intelligenz kann Prozesse beschleunigen, Routinearbeit übernehmen und Unternehmen dabei helfen, große Datenmengen sinnvoll zu bearbeiten. Gerade im Recruiting ist das Potenzial offensichtlich: Auf eine einzige Stellenausschreibung können bis zu 180 Bewerbungen kommen. Automatisierte Verfahren sparen hier Zeit und schaffen Überblick. Doch Effizienz ist nicht dasselbe wie Urteilskraft. Spätestens bei der Frage, ob jemand in ein Team passt, wo Motivation entsteht und ob eine Zusammenarbeit für beide Seiten richtig ist, stößt die Technologie an ihre Grenzen.
„Wenn es darum geht, ob ein Mensch ins Team passt, wie sich die Zusammenarbeit anfühlt und ob es für beide Seiten das Richtige ist, geht nichts über die persönliche Begegnung“, sagt Kaiser.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob künstliche Intelligenz eingesetzt werden soll, sondern wie. Technologie kann unterstützen, vergleichen und vorbereiten. Verantwortung übernehmen kann sie nicht.
Führung ist Beziehungsarbeit
Kaisers Verständnis von Führung klingt angenehm untechnokratisch. Führungskräfte seien in erster Linie „People Manager“: Menschen, die Orientierung geben, Klarheit schaffen und zuhören. Gerade hoch qualifizierte Beschäftigte können unzufrieden sein, obwohl auf dem Papier alles stimmt. Wer das erkennen will, muss genauer hinsehen – und vor allem nachfragen.
Damit wird digitale Transformation zu einer kulturellen Aufgabe. Neue Systeme und Prozesse lassen sich vergleichsweise schnell einführen. Vertrauen, Offenheit und eine gemeinsame Vorstellung davon, wohin die Reise geht, entstehen deutlich langsamer.
„Das Wesentliche beim Einsatz neuer Technologien und in der digitalen Transformation ist, partizipativ zu arbeiten: Menschen einzubeziehen, unterschiedliche Perspektiven zuzulassen und Raum für neue Ideen zu schaffen“, betont Kaiser. Wer Veränderungen mitgestalten dürfe, trage sie mit einer anderen Kraft und Ergebnisorientierung mit. Partizipation ist damit kein freundliches Extra für das Betriebsklima. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Veränderung tatsächlich funktioniert.
Automatisierung schafft neue Freiräume
Dass repetitive Tätigkeiten zunehmend automatisiert werden, kann verunsichern. Schließlich verändert Technologie nicht nur einzelne Werkzeuge, sondern ganze Berufsbilder. Kaiser sieht darin jedoch auch eine Chance: Wenn Maschinen monotone Aufgaben übernehmen, entsteht mehr Raum für Kreativität, Problemlösung und sinnstiftende Arbeit. Dieser Freiraum entsteht allerdings nicht von selbst. Unternehmen müssen ihre Beschäftigten auf dem Weg in die neue Arbeitswelt begleiten. Dazu gehören fachliche Weiterbildung, ausreichend Ressourcen und soziale Kompetenzen.
„Wir müssen Menschen befähigen, Probleme zu lösen und kreative Ideen zu entwickeln“
-Eva Kaiser, CIO der ÖBB-Infrastruktur
„Wir müssen Menschen befähigen, Probleme zu lösen und kreative Ideen zu entwickeln“, sagt Kaiser. Der Satz markiert einen entscheidenden Perspektivwechsel: Beschäftigte sollen nicht möglichst reibungslos an neue Systeme angepasst werden. Vielmehr muss eine Organisation Bedingungen schaffen, unter denen Menschen ihre Fähigkeiten weiterentwickeln können.
Flexibilität braucht Fairness
Auch beim Thema flexible Arbeit gibt es keine Lösung von der Stange. Individuell gestaltbare Arbeitszeiten können Eltern helfen, Beruf und Kinderbetreuung partnerschaftlicher zu organisieren. Sie können den Alltag erleichtern und bisher starre Rollenbilder aufbrechen. Doch nicht jede Tätigkeit lässt sich ins Homeoffice verlegen. Während viele Aufgaben im IT-Bereich zeitlich und örtlich flexibel erledigt werden können, braucht es im Schicht- oder Fahrdienst verlässliche Anwesenheit. Eine faire Arbeitswelt behandelt daher nicht alle Beschäftigten gleich, sondern nimmt unterschiedliche Realitäten ernst.
Im IT-Bereich der ÖBB-Infrastruktur habe sich eine Mischung aus Homeoffice und gemeinsamer Bürozeit bewährt, erzählt Kaiser. Eine bestimmte Zahl an Präsenztagen soll sicherstellen, dass der persönliche Austausch nicht verloren geht. Denn auch die beste Videokonferenz überträgt nicht alles. Unsicherheit, Überforderung oder leise Unzufriedenheit bleiben am Bildschirm häufig unsichtbar. „Man muss miteinander reden und wissen, wie es dem anderen geht“, sagt Kaiser. Vieles werde erst in der persönlichen Begegnung spürbar.
Fortschritt ist eine gemeinsame Sache
Die engagierten Wortmeldungen aus dem Publikum zeigen, wie sehr New Work und künstliche Intelligenz den Nerv der Zeit treffen. Das Café Creativ bietet dafür den passenden Rahmen: offen, konzentriert und nahbar. Hier wird nicht nur darüber gesprochen, wie wir künftig arbeiten werden, sondern auch darüber, wie wir arbeiten wollen.

Am Ende des Abends bleibt eine klare Erkenntnis: Technologischer Fortschritt und faire Arbeitsbedingungen sind keine Gegensätze. Zukunftsfähig sind jene Unternehmen, die beides zusammendenken. Sie beteiligen ihre Beschäftigten an Veränderungen, fördern neue Fähigkeiten und vergessen bei aller digitalen Euphorie nicht, für wen Technologie eigentlich da ist. Die Arbeitswelt der Zukunft wird digitaler sein. Ob sie dadurch auch besser wird, entscheidet sich weiterhin zwischen Menschen.
Nächster Termin: New Economy trifft Human Resources
Das nächste Café Creativ findet am 1. Oktober 2026 von 18 bis 21 Uhr erneut im Café Frauenhuber in der Himmelpfortengasse im 1. Wiener Gemeindebezirk statt. Unter dem Titel „New Economy und Human Resources“ spricht Maria Baumgartner darüber, wie neue Arbeitsmodelle, faire Bedingungen und zeitgemäße Unternehmenskulturen die Kreativ- und Werbebranche verändern. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Unternehmen Talente fördern und Arbeitsbedingungen schaffen können, die Leistung, persönliche Entwicklung und Sinn miteinander verbinden.
Baumgartner ist Geschäftsführerin von Speedinvest Heroes und unterstützt Unternehmen bei der Suche nach passenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie kennt die Start-up-Szene ebenso wie das Silicon Valley und beschäftigt sich als ausgebildete Mediatorin intensiv mit Potenzialen, Motivation und moderner Personalentwicklung.
Die Teilnahme ist auf 40 Personen begrenzt.
Über das Café Creativ
Das Café Creativ ist eine Veranstaltungsreihe der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation Wien. Im Rahmen des Schwerpunkts „Fair Work“ bringt sie Expertinnen und Experten, Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Interessierte zusammen, um über neue Formen der Zusammenarbeit, digitale Transformation und eine faire, zukunftsfähige Arbeitswelt zu diskutieren.









