Klassik ohne Konventionen: Jodok Cello in der Wiener Stadthalle

Beitragsbild: Zwischen alten Kastanien und Wiener Herbststimmung. Das vormagazin traf Jodok Cello in der Prater Hauptallee zum persönlichen Gespräch über Musik, Social Media und seinen außergewöhnlichen Karriereweg. © Elisabeth Lechner

13 Millionen Follower, ein 300 Jahre altes Cello und eine ungewöhnlich offene Haltung zur Inszenierung: Der Schweizer Musiker Jodok Vuille verbindet klassische Ausbildung mit Popkultur und Social Media. Am 3. Dezember kommt er erstmals nach Wien und spielt in der Wiener Stadthalle. Im Interview spricht er über die Grenzen zwischen digitaler Perfektion und echter Emotion, seine Kindheit auf einem Bauernhof und darüber, warum klassische Musik dringend weniger akademisch werden sollte.

Ein Cellist steht barfuß in einer spektakulären Berglandschaft. Hinter ihm erstreckt sich ein Panorama, das beinahe unwirklich erscheint. Er setzt den Bogen an, die ersten Töne erklingen, und plötzlich bekommt ein Popsong eine ganz andere emotionale Dimension. Millionen Menschen sehen zu, kommentieren, teilen und lassen sich von der Musik berühren. Bei unserem Treffen mit Jodok Cello erfahren wir: Was wie ein spontaner musikalischer Moment mitten in der Natur aussieht, ist in Wirklichkeit sorgfältig produziert. Und Jodok Vuille, international bekannt als JODOK CELLO, macht daraus kein Geheimnis.

Vom Schweizer Bauernhof auf die großen Bühnen der Welt

vormagazin: Du bist im Schweizer Emmental auf einem Bio-Bauernhof aufgewachsen. Welche Rolle hat Musik in deiner Kindheit gespielt?

Jodok Vuille: Musik war bei uns immer präsent. Meine Mutter hat im Dorf einen Frauenchor geleitet, und mein Vater hat gejodelt. Er hat sogar im Stall für die Kühe gesungen, weil er überzeugt war, dass sie dadurch mehr Milch geben. Meine Eltern waren beide sehr kulturinteressiert und haben mir diese Begeisterung von klein auf mitgegeben.

Wie bist du dann ausgerechnet zum Cello gekommen?

Das war bei einem Instrumentenparcours an unserer Musikschule. In der Schweiz gibt es solche Veranstaltungen, bei denen Kinder verschiedene Instrumente ausprobieren können. Ich war ungefähr sieben Jahre alt und sofort vom Cello fasziniert. Nicht nur vom Klang, sondern auch von seiner Form und seiner Größe. Man sagt ja, dass das Cello jenes Instrument ist, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick.

Du hast später sogar dein eigenes Cello gebaut. Wie kam es dazu?

Als ich etwa 18 Jahre alt war, konnte ich schon sehr gut Cello spielen. Aber ich wusste eigentlich nicht genau, wie das Instrument physikalisch funktioniert. Das wollte ich verstehen. Also habe ich selbst eines gebaut. Mit diesem Cello habe ich später meinen Bachelor und meine beiden Masterstudien abgeschlossen.

Spielst du heute noch auf diesem Instrument?

Gelegentlich schon, zum Beispiel beim Unterrichten oder bei kleineren Auftritten in der Schweiz. Für meine großen Konzerte habe ich mittlerweile ein anderes Instrument. Es ist ein rund 300 Jahre altes Cello, das 1710 in London gebaut wurde. Klanglich ist das natürlich noch einmal eine andere Dimension.

© Elisabeth Lechner

Vom Schweizer Emmental zum internationalen Musikstar: Mit seinen spektakulären Cello-Interpretationen begeistert Jodok Vuille mittlerweile über 13 Millionen Menschen auf Social Media. Am 3. Dezember 2026 bringt er seinen unverwechselbaren Mix aus Klassik, Pop und großer Bühnenshow erstmals in die Wiener Stadthalle.

Du bist klassisch ausgebildeter Musiker, erreichst mit deinen Videos aber Millionen Menschen, die vielleicht noch nie ein klassisches Konzert besucht haben. Ist klassische Musik für viele Menschen zu wenig zugänglich?

Ja, absolut. Klassische Musik ist viel zu akademisch. Oft ist das eine Welt für Menschen, die sich intensiv damit beschäftigt haben, die etwas von Komposition und musikalischen Strukturen verstehen. Für viele andere ist der Zugang schwierig. Ich nehme deshalb das Cello aus der klassischen, symphonischen Welt und verbinde es mit bekannten Songs von Dua Lipa, Michael Jackson, Coldplay oder Ed Sheeran. Mit diesem Konzept habe ich Millionen Menschen erreicht.

„Ich nehme das Cello aus der klassischen, symphonischen Welt und verbinde es mit Welthits von Dua Lipa, Michael Jackson, Coldplay oder Ed Sheeran.“

— Jodok Cello

Du bringst klassische Instrumente also dorthin, wo sich ein jüngeres Publikum ohnehin aufhält: auf Social Media?

Genau. Ich verbinde das klassische Instrument mit moderner Musik und einem visuellen Konzept, das auf Social Media funktioniert. Dadurch erreiche ich Menschen auf der ganzen Welt, unabhängig davon, ob sie einen Bezug zu klassischer Musik haben oder nicht.

Deine Videos wirken oft wie spontane Konzerte mitten in der Natur oder auf öffentlichen Plätzen. Wie viel davon ist tatsächlich spontan?

Das ist eine gute Frage. Im Prinzip ist alles für den Bildschirm und für Millionen Menschen auf der ganzen Welt konzipiert. Die Orte, an denen ich drehe, sind oft spektakulär. Aber es geht bei diesen Produktionen nicht in erster Linie darum, vor Ort einen schönen musikalischen Moment zu erleben. Ich konzentriere mich darauf, dass die Musik und die Bilder später auf dem Smartphone möglichst gut wirken.

Das heißt, du spielst bei diesen Aufnahmen nicht tatsächlich live?

Ich produziere die Musik vorher im Studio. Dann gehe ich an den jeweiligen Drehort und spiele synchron zur Aufnahme. Anschließend werden das Video und die Studioaufnahme zusammengefügt. So habe ich die perfekte Audioqualität. Wenn ich mitten in der Natur live aufnehmen würde, hätte ich Windgeräusche, Flugzeuge, Vögel oder Menschen im Hintergrund. Das würde den Klang des Cellos stark beeinträchtigen.

Das ist erstaunlich offen. Schließlich lebt Social Media stark von der Vorstellung, dass solche Momente authentisch und spontan entstehen.

Ja, in diesem Moment ist es natürlich ein bisschen inszeniert. Aber so funktioniert die Musikindustrie. Es geht darum, ein möglichst gutes Ergebnis für das Publikum zu schaffen. Die Menschen, die bei den Dreharbeiten stehen bleiben und zuhören, erleben trotzdem echte Emotionen. Wenn beispielsweise eine ältere Dame Tränen in den Augen hat, dann ist diese Reaktion real. Aber natürlich ist es ein Shooting. Wir müssen manchmal mehrere Aufnahmen machen und wieder von vorne beginnen.

Produzierst du diese Videos eigentlich selbst?

Wenn ich in der Natur drehe, mache ich sehr vieles selbst. Bei größeren Kooperationen ist das natürlich anders. Wenn ich mit internationalen Künstlern zusammenarbeite, brauche ich ein Team, das aus verschiedenen Perspektiven filmt. Solche Produktionen müssen genau geplant werden.

Du spielst fast immer barfuß. Was ursprünglich eher zufällig entstanden ist, gehört heute fest zu deinem Erscheinungsbild. Ist das mittlerweile zu deinem Markenzeichen geworden?

Ja, absolut. Ich werde das wahrscheinlich auch nicht mehr los. (lacht) Ich werde von großen Unternehmen für Auftritte gebucht, und selbst bei sehr exklusiven Veranstaltungen wollen die Veranstalter, dass ich barfuß auf der Bühne stehe. Da sitzen dann alle Gäste in Abendgarderobe, und ich bin der Einzige ohne Schuhe.

Passt das Barfußspielen auch zu deiner Herkunft? Du bist schließlich mitten in der Natur aufgewachsen.

Ja, ich bin sehr naturverbunden. Deshalb passt es eigentlich ganz gut zu mir.

„Man sagt, es ist das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt.“

— Jodok cello

Mit Millionen Followern entsteht aber vermutlich auch ein gewisser Druck. Hast du manchmal das Gefühl, immer größere und spektakulärere Videos produzieren zu müssen?

Natürlich entwickelt sich das Ganze zunehmend in eine kommerzielle Richtung. Wir starten jetzt mit größeren Theatershows und wollen langfristig auch in Arenen spielen. Wenn man so viele Menschen erreichen möchte, muss man ihnen etwas bieten. Da braucht es bekannte Musik, eine große Show, Licht und visuelle Effekte. Trotzdem komme ich aus der Klassik und mache musikalisch etwas anderes als eine reine Popshow.

Du hast mittlerweile mit zahlreichen internationalen Künstlern zusammengearbeitet. Welche Begegnung ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Ein ganz besonderer Moment war die Zusammenarbeit mit Andrea Bocelli. Wir haben gemeinsam in einem Fußballstadion in Istanbul vor rund 25.000 Menschen gespielt. Das war schon speziell. Andrea Bocelli ist seit Jahrzehnten eine unglaubliche Persönlichkeit in der Musikwelt. Und plötzlich fragt er mich, ob ich mit ihm auftreten möchte. Aber auch die Zusammenarbeit mit Teddy Swims war sehr spannend. Dazu kommen Künstler wie IL VOLO oder David Garrett. Ich durfte schon viele tolle musikalische Begegnungen erleben.

Am 3. Dezember spielst du erstmals in Wien, und das gleich in der Wiener Stadthalle. Was verbindet dich mit Österreich und insbesondere mit Wien?

Die Schweiz und Österreich haben schon viele Gemeinsamkeiten. Wir haben beide wunderschöne Berge, tolle Natur und schöne Städte. Und natürlich gibt es auch eine gewisse sportliche Rivalität. (lacht) Ich verbringe sehr gerne Zeit in Tirol und bin ein großer Fan der Dolomiten. Wien ist aber natürlich etwas Besonderes. Gerade als Musiker ist die Geschichte dieser Stadt unglaublich beeindruckend. Wien und Salzburg sind weltweit wichtige Orte für klassische Musik.

Viele Menschen kennen dich bisher ausschließlich von Instagram, TikTok oder YouTube. Was erwartet sie, wenn sie dich zum ersten Mal live erleben?

Die Emotion bei einem Livekonzert ist einfach eine ganz andere. Wenn 2.000 oder 3.000 Menschen gemeinsam die Musik erleben und mitfiebern, entsteht eine besondere Energie. Das kann man auf einem Smartphone nicht in derselben Intensität vermitteln. Außerdem erzähle ich bei meinen Konzerten auch persönliche Geschichten aus meinem Leben. Es geht also nicht nur darum, ein Musikstück nach dem anderen zu spielen.

Deine Social-Media-Videos sind bereits sehr aufwendig produziert. Wie setzt du diese visuelle Inszenierung bei einem Livekonzert um?

Wir arbeiten mit einer großen Lichtshow, LED-Screens und vielen Lasern. Es wird ein richtiges Spektakel. Auf einem zweidimensionalen Smartphone-Bildschirm bekommt man diese Intensität einfach nicht mit. Und natürlich muss man den Menschen auch etwas bieten. Sie kaufen ein Ticket und investieren Zeit, um zum Konzert zu kommen. Deshalb ist es mir wichtig, dass sie mit einem besonderen Erlebnis nach Hause gehen.

„Die Emotion von 2.000 oder 3.000 Menschen, die gemeinsam mitfiebern und die Musik erleben, ist natürlich viel intensiver, als vor dem screen.“

— Jodok cello

Du hast vorhin erzählt, dass du klassische Musik für ein breiteres Publikum öffnen möchtest. Ist dein Konzert auch für Menschen gedacht, die normalerweise keine klassische Musik hören?

Ja, genau das ist die Idee hinter meinem Konzept. Ich verbinde das Cello mit bekannten Songs und einer großen Show. Man muss also kein klassisches Musikstudium absolviert haben, um Freude an dieser Musik zu haben.

Wien ist eine Stadt mit einer enormen klassischen Musiktradition. Gleichzeitig bringst du ein ganz anderes Konzertformat mit. Was ist dir dabei besonders wichtig?

Für mich steht die Emotion im Mittelpunkt. Natürlich habe ich eine klassische Ausbildung, aber ich möchte die Menschen mit meiner Musik erreichen. Es geht um das Gefühl, das dabei entsteht.

Und mit welchem Gefühl sollen die Menschen am 3. Dezember die Wiener Stadthalle verlassen?

Mit Emotionen, Freude, einem Lächeln und vielleicht auch ein bisschen Überraschung. Ich möchte, dass die Menschen nach dem Konzert nach Hause gehen und denken: „Ah, ich möchte noch ein bisschen mehr.“

Das klingt fast so, als würdest du bereits an eine Rückkehr nach Wien denken?

Ja, die Idee ist natürlich, dass die Menschen wiederkommen möchten. Und dass wir vielleicht auch nächstes Jahr wieder hier spielen.

JODOK CELLO erstmals live in Wien

Am 3. Dezember 2026 bringt Jodok Vuille seine World Tour erstmals nach Österreich. In der Halle F der Wiener Stadthalle treffen bekannte Popmelodien auf den warmen Klang eines jahrhundertealten Cellos. Begleitet wird die Musik von einer aufwendigen Licht- und Bühnenshow, die das digitale Universum von JODOK CELLO in ein unmittelbares Konzerterlebnis übersetzen soll.

Für einen Musiker, der weltweit Millionen Menschen über ihre Smartphones erreicht, ist die Bühne dabei mehr als nur eine Erweiterung seiner digitalen Präsenz. Sie bietet die Möglichkeit, jene musikalischen Momente entstehen zu lassen, die sich weder schneiden noch wiederholen lassen.

JODOK CELLO – World Tour 2026
Datum: Donnerstag, 3. Dezember 2026
Beginn: 20:00 Uhr
Ort: Wiener Stadthalle, Halle F, Wien
Tickets: Über die Wiener Stadthalle erhältlich

© Elisabeth Lechner

Bei seinem Wien-Besuch ließ sich Jodok Cello auch einen Abstecher auf die Wiener Kaiser Wiesn nicht entgehen. Dort traf der Schweizer Musiker auf Wiesn-Kaiser Johann Pittermann.

Carla Hoffmann
Carla Hoffmann
Redakteurin Vormagazin

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